8. Dezember 2022

Nachholspieltage in der Oberliga Ost Saison 2021/22! Und so durften wir am Wochenende nach Erfurt fahren, um gegen die beiden dortigen Oberliga-Mannschaften (Empor und Medizin Erfurt) die 4. und 5. Runde zu spielen. Anfang Juli folgen noch die Runden 6 und 7 und dann ist die Saison vorbei, denn alle anderen Runden sind schon gespielt. Corona hat halt alles durcheinander gewürfelt… 

Für uns ging es nicht mehr um viel, denn vom Kampf um den Titel hatten wir uns schon vorher durch unglückliche Niederlagen gegen Oberursel und Schöneck verabschiedet. Leider waren die Vorbedingungen für dieses Wochenende aber auch sonst alles andere als gut, denn wir waren nicht vollzählig. So traten wir am Samstag gegen Empor Erfurt nur mit 6 Leuten und am Sonntag gegen Medizin Erfurt nur mit 7 Leuten an. Die Gründe sind vielfältig und sollen hier nicht breitgetreten werden, aber jeder weiß, wie unschön das ist, wenn man schon zu Beginn des Wettkampfs hinten liegt. Und auch unser Reisepartner aus Gernsheim war not amused, denn Empor Erfurt ist einer ihrer direkten Mitkonkurrenten um den Abstieg und sie hatten sicher auf unseren Sieg gesetzt. Zum Glück konnten die Gernsheimer ihren Kampf gegen Erfurt gewinnen und sich damit selbst auf die sichere Seite bringen… 

Unser Kampf am Samstag um 14.00 Uhr gegen Empor lief allerdings gut an und es sah lange Zeit so aus, als wenn wir mit 6 wackeren Kämpfern das Ding doch noch schaukeln könnten. Vitaly Kunin an Brett 1 hatte gegen GM Teske ausgangs der Eröffnung schon deutlichen Vorteil und Sergey Galdunts schnappte seinem Gegner, der die Eröffnung ungenau behandelt hatte, nach relativ kurzer Zeit einen Bauern weg. Und auch an den anderen Brettern sah es ordentlich aus. 

Aber je länger der Tag dauerte, um so länger wurden unsere Gesichter. Michael Schäfer landete mit Schwarz im Sizilianer mit g6 relativ schnell in einer eher perspektivlosen Stellung und akzeptierte daher klugerweise das Remis. Weiter ging es an Brett 7, wo Steve Schiffer mit Weiß in einem Sizilianer in durchaus vielversprechender Stellung ein klassisches Qualitätsopfer des Gegners zuließ. Danach ließ sich ein schwarzer Läufer auf e4 nieder und dominierte das gesamte Brett. Die weißen Türme standen fast tragikomisch in der Ecke herum und Schwarz fiel mit Dame, Läufer und Turm über den weißen König her, was selbst einen großen Kämpfer wie Steve überforderte. 0:3 also nach rund 3 Stunden. 

Jetzt musste schon ein kleines Wunder geschehen, aber das war an diesem Tag nicht vorgesehen. Immerhin konnte ich das Anschlusstor erzielen: 

Reucker-Legde, Stellung nach 41…Tb3+

 

Ich hatte an einer Stelle einen relativ klaren Gewinn verpasst und war jetzt auf die Mithilfe meines Gegners angewiesen, die dieser auch gewährte. 

Nach 42. Kg2? wie in der Partie ist die Stellung für Schwarz leicht gewonnen: 42…f4 43.a5 Tb2+ 44.Kf1 Ta2 45.Ta7+ Kf6 und Weiß gab auf: der schwarze König läuft über f5, e4 nach f3 und strickt im Schutz seiner Bauern zusammen mit dem Turm am Mattnetz.

Hätte Schwarz dagegen 42. Kh4! gespielt, ist die Stellung remis: Ta3 43.Tb6! (der Turm sperrt den König auf der 7. Reihe ab) Ta4: 45. Kg5 und trotz seiner beiden Mehrbauern kann Schwarz nicht gewinnen.

Damit war unser Glück für diesen Tag aber auch erschöpft. Paulus Wohlfahrt hatte seinen Gegner in einer nimzoindischen Verteidigung glatt überspielt, schaffte es aber nicht, in der entscheidenden Stellung den letzten Schlag zu setzen, nach dem Schwarz platt gewesen wäre. Stattdessen begnügte er sich mit einem schmalen Bäuerchen, welches aber im Endspiel Turm gegen Turm nicht zum Sieg reichte. 

Damit hing nun alles an den Spitzenbrettern und hier war Vitaly der unglückliche Held. In einer vorteilhaften, aber chaotischen Stellung wählte er eine komplizierte Abwicklung, bei der innerhalb weniger Züge einige Figuren vom Brett flogen. Nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, stellte sich heraus, dass das entstehende Endspiel trotz eines zwischenzeitlichen Vorteils von 2 Bauern nicht zu gewinnen war, weil die schwarzen Figuren viel zu aktiv waren. Vitaly spielte zwar noch bis zum nackten König weiter, aber… remis. 

Da nützte es auch nichts mehr, dass Sergey nach einigen Irrungen und Wirrungen seine zwischenzeitlich zum Remis verdorbene Stellung am Schluss mit einem hübschen Trick doch noch gewann: 

(Sergey, bitte sieh mir nach, wenn die Stellung nicht ganz stimmt – ich weiß nur noch das Motiv )

Hier spielte Schwarz …Kf8?? Und musste nach Ta8+ Ke7 h6! die Segel streichen – ein Bauer läuft durch. Statt Kf8 einfach Ta8 hält dagegen remis…

Endstand 3,5 – 4,5 für Empor Erfurt. 

Unsere Stimmung war dementsprechend mäßig, hellte sich aber am Abend in der Erfurter Innenstadt bei griechischem Essen und ausreichend kühlen Getränken wieder auf 

Michael Schäfer, Steve Schiffer, Vitaly Kunin, Paulus Wohlfart
Georg Legde und Paulus Wohlfahrt

Sonntag um 9.00 Uhr (wer hat das bitte erfunden?) spielten wir dann gegen den schon sicheren Absteiger Medizin Erfurt, der allerdings ausgerechnet gegen uns acht Leute ans Brett brachte, nachdem sie am Tag vorher auch nur mit einem Häuflein von sechs Aufrechten erschienen waren. Aber wir hatten diesmal ein Trumpfass im Ärmel: Michael Wrede war noch zu uns gestoßen (danke nochmal!) und so waren wir immerhin zu siebt. Also nur 0-1 zu Beginn und unbedingter Siegeswille  

Es ging auch gut los. Steve war der vergurkte Samstag nicht anzumerken. Sein Gegner spielte allerdings auch eine gruselige Eröffnung. Nach rund 15 Zügen entstand ein Endspiel mit einem isolierten Bauern, der von allen verbliebenen weißen Figuren attackiert wurde. Im Bemühen, irgendwie Gegenspiel zu bekommen, erzeugte der Schwarze bei sich noch weitere Bauernschwächen. Steve sammelte ungerührt erst den einen, dann noch einen zweiten Bauern ein und irgendwo kurz vor oder nach dem Verlust des dritten Bauern reichte es Schwarz. 1-1 

Danach war allerdings erst einmal Sand im Getriebe. Paulus hatte aus einer sizilianischen Nebenvariante eine leicht schlechtere Stellung erhalten, reagierte unsicher und übersah dann eine einfache Abwicklung, die ihn eine Figur kostete. Ihm waren aber auch die Strapazen anzumerken, die er als Organisator, Spieler und Fahrer hatte. 1-2 gegen uns, aber das währte nicht lange, denn ich konnte einen groben Bock meines Gegners ausnutzen (Stellung nach 23.g4 ??):

23… Lf4! 24. Sf4: Dd4: 25.g5 hg5: 26.Dg5 e5 und hier hatte Weiß bereits genug (0-1). 

Damit war der Ausgleich wiederhergestellt und an den übrigen Brettern lief alles in die richtige Richtung. Nur Michael Schäfer musste im Endspiel mit Turm/Läufer seine Gewinnbemühungen irgendwann einstellen, aber das machte nichts, denn ansonsten war es eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Vitaly Kunin am Spitzenbrett spielte mit Schwarz sein geliebtes Philidor. Von dem Versuch von Erfurts Spitzenbrett Jannis Wehner, mittels einer Abtauschorgie irgendwie ein Remis zu erklammern, ließ sich Vitaly nicht beirren, verwandelte kleine positionelle Vorteile irgendwann in einen Bauerngewinn und veranlasste seinen Gegner damit zu einer relativ frühzeitigen Aufgabe. Kurz danach kapitulierte auch Michael Wredes Gegner, der nach dem Verlust zweier Bauern ebenfalls keine Lust mehr hatte. Blieb nur noch Sergey Galdunts, der nach der Eröffnung bereits klar besser gestanden hatte, dann aber in Zeitnot etwas den Faden verlor und nach der Zeitkontrolle in einer unklaren Stellung gelandet war, in der beide Könige unsicher standen. Aber der schlaue Taktikfuchs Sergey hatte ein Ass im Ärmel: nach einem groben Bock seines Gegenübers stellte er mit Dame und Turm auf der h-Linie eine eklige Mattdrohung auf und der von seinem Kontrahenten beabsichtigte Deckungszug scheiterte an einer Mattdrohung von der anderen Seite. 

Endergebnis: 5.5 – 2,5 für Mörlenbach. 

Mit 11 Mannschaftspunkten sind wir nun Vierter. Die letzte Doppelrunde findet am 2./3. Juli in Griesheim statt. Wir spielen gegen Griesheim und Wiesbaden, beides spielstarke Mannschaften, gegen die wir in den letzten Jahren oft nicht gut aussahen. Wiesbaden liefert sich aktuell einen heißen Kampf mit Oberursel um den Aufstieg in Liga II: 

Es wird also spannend, wenngleich leider nicht in erster Linie für uns. Bleibt zu hoffen, dass wir in der nächsten Saison wieder angreifen können.   

1 thought on “Bericht vom OL-Wochenende in Erfurt

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