Cannes International Open 2026


Turnierbericht · 23.02. – 01.03.2026 · Cannes, Frankreich

Es ist eine Art liebgewonnener Masochismus geworden: Zum dritten Mal in Folge habe ich mich beim Cannes International Open (2200+) vom 23.02. bis 01.03.2026 ins Getümmel gestürzt — einem der renommiertesten Open-Turniere Europas, mitten an der Côte d’Azur, im legendären Palais des Festivals direkt am Meer. Da meine Ratingzahl die offizielle Eingangsqualifikation nicht ganz erfüllt, bin ich dem Starterfeld gegenüber zugegebenermaßen eher als wandelnder Punktelieferant bekannt. Und was soll ich sagen? Auch dieses Jahr haben meine Gegnerinnen und Gegner diese Rolle sehr dankbar angenommen — nur noch konsequenter als je zuvor. Aber der Reihe nach.

ANREISE & UNTERKUNFT

Wie schon im Vorjahr haben wir mit dem Wohnmobil auf dem schön gelegenen Campingplatz Les Cigales in Mandelieu-la-Napoule gestanden — direkt an der Côte d’Azur, mit Palmen, Meerblick und allem, was das Herz begehrt. Jeden Tag schwang ich mich auf die Vespa und tuckerte die Küstenstraße entlang in die Innenstadt von Cannes, hinein ins Palais des Festivals. Ein schlechteres Pendelschicksal für ein Schachturnier hätte ich wirklich nicht treffen können.

RUNDE 1 — Sophie Milliet (IM, ELO-Bestmarke 2421) — Niederlage

Willkommen in Cannes! Gleich in der ersten Runde wartet die Auslosung mit einer kleinen Überraschung: Sophie Milliet, fünffache französische Meisterin und Internationaler Meister mit einer persönlichen Bestmarke von 2421. Man könnte sagen, sanfter hätte der Einstieg nicht sein können….

Ich spiele eine schwache Partie, sie gewinnt souverän und sieht dabei aus, als hätte sie nebenbei noch Kaffee getrunken. Kein guter Start, aber irgendwie auch ein ehrlicher.

RUNDE 2 — Emilie Nègre (ELO-Bestmarke 2221) — Remis erkämpft

In Runde zwei wartet Emilie Nègre — 2024 französische U14-Meisterin und mit einer Bestmarke von 2221 ebenfalls deutlich stärker als der Durchschnittskandidat meiner Liga. Nach einer verunglückten Eröffnung steht sie klar auf Gewinn, und ich bereue jeden einzelnen meiner ersten Züge.

Aber dann: Ich „lüge“ mich, wie man so schön sagt, irgendwie durch. Trotz Mehrbauer muss ich ins Remis abwickeln. Ein halber Punkt, den ich mit beiden Händen nehme und innerlich sehr laut feiere.

RUNDE 3 — Junger Franzose — Niederlage

Ein junger Franzose, dessen Namen ich mir aus Selbstschutzgründen nicht gemerkt habe, überspielt mich in einer staubtrockenen Eröffnung — und ich meine das doppelt: Die Eröffnung war staubtrocken, und ich habe sie schlichtweg nicht verstanden. Jeder Zug, den ich machte, fühlte sich einen Tick zu schwach an. Am Ende verliere ich folgerichtig. Lehrreich, wenn auch schmerzhaft.

RUNDE 4 — Charvi Anilkumar (FM, Jg. 2014, Indien) — Niederlage

Jetzt wird es wirklich bitter — oder je nach Betrachtungsweise auch einfach nur beeindruckend: Charvi Anilkumar, Jahrgang 2014, bereits FIDE-Meister und eine der stärksten Jugendlichen ihrer Altersklasse weltweit. Ein freundliches, konzentriertes Mädchen, das am Brett keine Gnade kennt.

Wir spielen eine durchaus interessante Partie — sie opfert einen Bauern für die Initiative, ich versuche standzuhalten. Dann übersehe ich in einer Abwicklung einen Qualitätsverlust. Sie nutzt das mit der Präzision einer deutlich besseren Spielerin aus. Respekt, aber auch: Aua.

Nach vier Runden: 0,5 aus 4. Und ich beginne, wie jedes Jahr an dieser Stelle, ernsthaft daran zu zweifeln, ob ich hier richtig bin.

RUNDEN 5 & 6 — Halbpunkt-Byes

Da Cannes zum Glück nicht nur ein Schachturnier, sondern auch einen traumhaften Golfplatz zu bieten hat, nehme ich mir bewusst eine Auszeit: zwei Halbpunkt-Byes für den Folgetag — und sammle damit zwei wichtige halbe Punkte, ohne einen weiteren Bauern zu verlieren. Ein Hoch auf die Flexibilität des Turnierformats!

Das Golf spielen tut gut. Die Sonne tut gut. Die Stimmung im Wohnmobil entspannt sich spürbar.

RUNDE 7 — 15-jähriger FM (Frankreich, ELO 2313) — Niederlage

Nach der Pause: ein 15-jähriger französischer FIDE-Meister mit 2313. Ich stehe lange gut, dann etwas gedrückt — und er zockt mich schließlich über die Zeit aus. Ruhig, geduldig, methodisch. So macht man das wohl mit alten Männern.

Ich kann ihm das nicht mal verübeln, ich hätte es genauso gemacht.

RUNDE 8 — Luca Protopopescu (CM, 10 Jahre, weltweit #1 U10) — Niederlage

Es kommt, wie es kommen musste, noch dicker: Luca Protopopescu, gerade einmal 10 Jahre alt, weltweit höchstgerateter Spieler seiner Altersklasse und Vorjahressieger des B-Turniers hier in Cannes. Ein freundlicher Junge, dem man beim ersten Blick nicht ansieht, wie präzise er am Brett arbeitet.

Die Partie ist tatsächlich interessant, und an einem bestimmten Punkt hätte eine mutige Abwicklung womöglich gewonnen. Aber ich habe in diesem Moment Angst — echte Angst davor, noch einmal zu verlieren. Also wähle ich den harmlosen Zug. Den sicheren. Den falschen. Natürlich führt er direkt in den Orkus, und Luca nutzt das mit einer Genauigkeit aus, die bei einem Zehnjährigen schlicht verblüffend ist.

Meine Frau hat übrigens festgestellt, dass der Campervan merklich kleiner wird, wenn einer immer schlechte Laune hat.

Vor der letzten Runde: 1,5 aus 8 — davon 0,5 aus 6 gespielten Partien. Das Tief ist offiziell erreicht.

RUNDE 9 — Franzose, 30 Jahre (ELO 2146) — Sieg!

Und dann — Runde neun. Die Auslosung beschert mir einen 30-jährigen Franzosen mit einer Ratingzahl von 2146, ohne eine nationale Meisterschaft in der Vita. Auf dem Papier endlich eine lösbare Aufgabe. Trotzdem bin ich nervös wie selten.

Ich spiele verhalten, aber diesmal mit dem richtigen Instinkt. Die Stellung entwickelt sich geordnet, ich behalte den Faden — und gewinne die letzte Runde tatsächlich mit einer vernünftigen, souveränen Partie. Platz 108 in der Gesamtwertung. Mit Würde erkämpft, und für heute reicht das vollkommen.

ERGEBNIS: 2,5 / 9 Punkte (inkl. 2× Bye) · Platz 108

GLÜCKWUNSCH, NICOLAS!

Nicolas hat ebenfalls mitgespielt — und das mit beeindruckendem Erfolg: Mit starken 5,5 aus 9 Punkten belegte er den ausgezeichneten Platz 20. Chapeau, das war eine starke Leistung!

FAZIT

Was bleibt? Zunächst: ein wie jedes Jahr hervorragend organisiertes Turnier an einer der schönsten Locations, die der europäische Schachkalender zu bieten hat. Der Blick aus dem Turniersaal über die Bucht von Cannes, das Palais des Festivals mit seinem ganz eigenen Glamour-Flair, das Licht der Côte d’Azur Ende Februar — das entschädigt für so manchen schlechten Zug.

Und die Ergebnisse? Nun ja. Wer gegen mehrfache Landesmeisterinnen, U14-Champions und den weltbesten Zehnjährigen antritt, darf eigentlich nicht überrascht sein. Ich war trotzdem jedes Mal überrascht. Das gehört dazu.

Spiele ich nochmal mit? Ich brauche Mitstreiter — jemanden, der mit mir zusammen leidet, lacht und anschließend auf der Vespa zum Abendessen fährt. Oder vielleicht melde ich mich doch beim B-Turnier an, um zumindest bei guter Laune zu bleiben — und dem Campervan mehr Platz zu geben.

Vermutlich komme ich wieder. Es macht halt doch viel Spaß — auch wenn das manchmal schwer zu erklären ist.

2 Kommentare zu „Cannes International Open 2026

  1. Avatar von Paulus Wohlfart
    Paulus Wohlfart

    Tolles Turnier, tolle Spielbedingungen, superscharfe Gegner. Ich ziehe den Hut. Mein tiefster Du hast ganz schön viel Mumm in den Knochen, gegen die junge Flut bestehen zu wollen.

  2. Avatar von Georg Legde
    Georg Legde

    Ich kann mich Paulus nur anschließen!

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2 Gedanken zu „Cannes International Open 2026 <div class='awpa-single-post-star-variation' attributes='[{"ratings":{"id_5":5},"sum":5,"count":1,"avg":5,"people_count":{"count_5":1}}]' show_star_rating='1' rating_color_back='#EEEEEE' rating_color_front='#ffb900' rating_type='5' show_avg='', show_star_type='' show_votes='' star_size='x-small'></div> “

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    Paulus Wohlfart

    Tolles Turnier, tolle Spielbedingungen, superscharfe Gegner. Ich ziehe den Hut. Mein tiefster Du hast ganz schön viel Mumm in den Knochen, gegen die junge Flut bestehen zu wollen.

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