Contempt-Bewertung und Datenbank-Häufigkeit direkt nebeneinander lesen – ganz ohne Terminal oder Zusatztool
Neuerungen und seltene, aber starke Züge lassen sich komplett innerhalb von Nibbler aufspüren – ganz ohne Zusatzsoftware. Der Trick: Leelas Contempt-Bewertung neben die tatsächliche Häufigkeit aus der Lichess-Datenbank legen – Zug für Zug, direkt im gewohnten Analysefenster. Dieser Artikel zeigt exakt, welche Menüpunkte dafür nötig sind und wie man die Zahlen liest, die Nibbler dabei anzeigt.
1. Lichess-API-Token einrichten (einmalig)
Seit einer Änderung auf Lichess-Seite verlangt die Opening-Explorer-Schnittstelle einen Anmelde-Token; ohne ihn bleiben die Häufigkeits-Pfeile leer. Seit Nibbler 2.5.5 lässt sich das komplett über die Oberfläche erledigen:
- Im Browser einloggen unter lichess.org, dann die Seite lichess.org/account/oauth/token/create aufrufen.
- Keine der Checkboxen ankreuzen – einfach nach unten scrollen und auf „Create“ klicken.
- Den angezeigten Token kopieren (beginnt meist mit „lip_“).
- In Nibbler: Display → Online API → Set Lichess API token → Token einfügen.
2. Datenquelle und Pfeile aktivieren
- Display → Online API → Lichess als Quelle auswählen.
- Display → Lichess frequency arrows anklicken (Tastenkürzel ⌘E) – zeichnet Pfeile auf dem Brett, deren Stärke die Popularität eines Zuges in der Datenbank widerspiegelt.
- Optional: Display → Allow API after move 25 aktivieren, damit die Datenbankabfrage auch in späteren Stellungen (nach Zug 25) noch läuft und nicht automatisch stoppt.
- Alternative ohne Internetverbindung: Display → Book frequency arrows nutzt statt der Online-Abfrage ein lokal geladenes Buch (z. B. eine eigene Polyglot-Datei).
Wichtig bei aktivem Contempt: Sobald Contempt eingeschaltet ist (siehe unser Artikel zur Contempt-Konfiguration), blendet Nibbler oben rechts den Hinweis „Contempt active! Lichess frequency arrows only!“ ein. Das ist kein Fehler: Nibbler zeichnet dann bewusst keine grünen Engine-Pfeile mehr auf das Brett, sondern nur noch die Häufigkeits-Pfeile – damit man eine contempt-verzerrte Empfehlung nicht versehentlich für die objektiv beste Engine-Wahl hält. Die vollständige Engine-Analyse bleibt dabei im Textbereich rechts erhalten, nur die Brett-Pfeile werden reduziert. Wer trotzdem die Engine-Pfeile auf dem Brett sehen möchte, schaltet Contempt kurz über Engine → WDL-Kalibrierungs-Elo → „Standard-WDL verwenden“ aus.
3. Die Zahlen im Textbereich richtig lesen
Für jeden vorgeschlagenen Zug zeigt Nibbler eine ganze Reihe von Werten in Klammern an, zum Beispiel:
(N: 4,92 % [1,3k], P: 5,91 %, Q: 0,546, U: 0,027, WDL: 701 144 155, API win: 40,0 %, freq: 1 % [5])
| Kürzel | Bedeutung |
| N | Anteil der Suchzeit (Visits), die Leela in diesen Zug investiert hat – in Prozent und absoluter Knotenzahl. |
| P | Policy-Wert: wie stark das neuronale Netz diesen Zug schon ohne Suche favorisiert. |
| Q | Bewertung dieses Zuges aus Leelas Sicht (Skala −1 bis +1). |
| U | Unsicherheits-/Explorationskomponente der Suche – je kleiner, desto gründlicher wurde der Zug bereits untersucht. |
| WDL | Gewinn/Remis/Verlust-Wahrscheinlichkeit in Promille (hier: 701 Gewinn, 144 Remis, 155 Verlust). |
| API win | Die vom Contempt-Modell an das angenommene Matchup angepasste Gewinnwahrscheinlichkeit (siehe WDL-Kalibrierungs-Elo). |
| freq | Häufigkeit dieses Zuges in der Lichess-Datenbank, in Prozent und absoluter Partienzahl in eckigen Klammern. |
4. Der eigentliche Workflow: Neuerung erkennen
- Stellung laden, Contempt wie gewohnt konfigurieren, Lichess frequency arrows aktiv lassen.
- Leela rechnen lassen, bis genügend Nodes für die interessanten Kandidaten erreicht sind (Richtwert weiterhin ca. 10.000+ Nodes, siehe Contempt-Artikel).
- Die Zugliste rechts von oben nach unten durchgehen und bei jedem Zug freq mit API win bzw. Q vergleichen.
- Züge markieren, bei denen die Engine eine ordentliche Gewinnchance sieht, freq aber sehr klein ist (einstelliger Prozentbereich oder nur eine Handvoll Partien in Klammern) – das sind die Kandidaten für Neuerungen bzw. seltene, aber starke Ideen.
- Zur Kontrolle den entsprechenden Zug anklicken und die Folgezüge/Variante ansehen, um zu prüfen, ob die Idee auch praktisch Sinn ergibt.
Beispiel aus der Praxis
In einer Beispielstellung nach 6…d6 zeigte Nibbler unter anderem folgende Kandidaten (gekürzt):
| Zug (Anfang der Variante) | N (Visits) | API win | freq |
| Nh3 exd5 cxd5 … | 78,1 % | 44,9 % | 36 % [244] |
| Bf4 0‑0 dxe6 … | 4,92 % | 40,0 % | 1 % [5] |
| a3 Bxc3+ bxc3 … | 4,61 % | 55,0 % | 21 % [141] |
| Bd3 bxc4 Bxc4 … | 4,30 % | 35,7 % | 2 % [14] |
Bf4 sticht heraus: eine ordentliche Gewinnchance (API win 40 %) bei einer verschwindend geringen Häufigkeit von nur 1 % bzw. 5 bekannten Partien – ein klarer Kandidat, den man sich in der Vorbereitung genauer ansehen sollte. Nh3 und a3 sind dagegen bereits gut bekannte Hauptwege (36 % bzw. 21 % Häufigkeit) und damit keine Überraschung mehr.
5. Grenzen dieses Wegs
Dieser manuelle Weg eignet sich sehr gut, um gezielt einzelne Stellungen oder wenige kritische Abzweigungen zu untersuchen – man sieht Leelas Einschätzung und die Datenbank-Häufigkeit sofort nebeneinander, ganz ohne zusätzliche Installation. Wer dagegen ein komplettes Repertoire oder gleich mehrere Dutzend Partien automatisiert in einem Rutsch durchsuchen möchte, stößt hier an eine Grenze: Das Durchklicken bleibt Stellung für Stellung Handarbeit.
Schnellreferenz
| Menüpunkt | Menü | Kurzbeschreibung |
| Set Lichess API token | Display → Online API | Hinterlegt den einmalig erstellten Lichess-Zugriffstoken. |
| Online API | Display | Wählt die Datenquelle für die Häufigkeitsabfrage (z. B. Lichess). |
| Lichess frequency arrows | Display (⌘E) | Zeichnet Häufigkeits-Pfeile auf dem Brett. |
| Allow API after move 25 | Display | Hält die Datenbankabfrage auch in späteren Stellungen aktiv. |
| Book frequency arrows | Display | Häufigkeits-Pfeile aus einem lokal geladenen Buch statt online. |
Fazit
Contempt und Lichess-Datenbank sind in Nibbler bereits eng miteinander verzahnt: Sobald beides aktiv ist, liefert die Zugliste alles Nötige, um Neuerungen von Hand zu erkennen – Leelas eigene Einschätzung (Q, API win) direkt neben der tatsächlichen Praxis-Häufigkeit (freq). Der Hinweis „Contempt active! Lichess frequency arrows only!“ ist dabei kein Störfall, sondern die eingebaute Erinnerung, dass gerade eine bewusst verzerrte Einschätzung angezeigt wird.
Quellen: eigener Artikel „Nibbler für WDL-Contempt-Analysen konfigurieren“ (freibauer80.de), rooklift/nibbler (GitHub, Releases 2.2.6–2.5.8). Stand: Nibbler 2.5.8, Juli 2026.

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