Süsse und bittere belgische Schachpralinen – Teil 2

Im ersten Teil hatte ich über meine ersten Runden beim „Brugse Schachmeesters Open 2026“ geschrieben. Es folgt noch anstandshalber die letzten drei Runden, besser gesagt zwei von drei Runden. Nachdem ich in der nominell 6. Runde mein Punktestand ausgleichen konnte, wollte ich in den letzten drei Runden nochmals versuchen mehr zu punkten.

In der siebten Runde sass mir ein 19 Jahre alter Schachspieler aus Nord-Irland gegenüber. Ein sehr netter Mensch, wie es sich in der Nachanalyse herausstellte. Spielt hauptsächlich online auf chess.com, aber auch in einem Verein in Nord-Irland. Dort angeblich über 300 lange Partien gespielt. Keine davon in den öffentlichen Schachdatenbanken. Meine magere Ausbeute langem Suchen (KI-unterstützt) waren am Ende 10 Partien, 3 davon spielte er Schwarz, alle gegen 1.e4. Es war also nichts mit irgendwelcher Vorbereitung gegen meine üblichen Eröffnungen. Sollte ich mich einfach darauf verlassen? Es interessierte mich jedoch zu sehr, was er gegen 1.e4 so spielte. Ich schaute mir seine Variante an und spielte am Nachmittag dann 1.e4

Über die achte Rund hülle ich den Mantel des Schweigens. Ich spiele 14 Züge lang (vorbereitete) Theorie, mein Gegner verbraucht viel Bedenkzeit. Er packt einen „langen Damenzug“ aus. Ich reagiere 2 Züge lang ungeschickt. Der Eröffnungsvorteil ist futsch und ich kämpfe wiederum nur ums Remis. Was mir am Ende mit etwas Schwindeln auch gelingt.

Die letzte Runde Runde #9, fand natürlich bereits um 10:00h freitagsmorgens statt. Gegen 16:00h sollte schließlich die Siegerehrung erfolgen. Da die Vorschlussrunde irgendwann am Abend davor bis gegen 19:00h gespielt wurde, blieb nur wenig Zeit für Vorbereitung. Und wieder bekam ich es mit einem sehr jungen Gegner zu tun, 15 Jahre alt, aus Belgien, DWZ über 1900 und steigend.

Ich hatte gerade ein Turmpaar auf d1 getauscht und verließ mich in dieser Stellung nach dem 25. Zug darauf, dass ich nach weiterwm Turmtausch das Endspiel mit meinem Springer gegen seinen Läufer günstig für mich gestalten könnte und spielte 26…Td8 Aber mein junger Gegner wollte nicht tauschen und spielt 27. Ld5 Das ist ja interessant. Er will gar nicht tauschen. Aber jetzt ist sein Ld5 doch erstmal gefesselt. Kann ich das irgendwie ausnutzen? Ja ich konnte und nutzte es aus. Allerdings war meine Partiefortsetzung in Teilen nicht ganz reif, sprich er hätte bei bestem Spiel Remis erreichen können. Welche zweitbeste Fortsetzung spielte ich zum Abschluss des Turniers in dieser Stellung und wie ging es weiter?

Natürlich war ich froh, dass ich in der letzten Runde nochmals punkten konnte, auch wenn mit Hilfe meines Gegners. Insgesamt verlor ich durch die nicht erreichten Gewinne in Runde 4, 7 und 8 gegen nominell etwas schwächere Gegner etwas an Wertungszahl. Andererseits gelang es mir immer wieder, mich aus ungünstigen Situationen etwas frei zu spielen.

Der eigentlich Lerneffekt bei diesem Turnier für mich war jedoch auf ganz anderem Gebiet, weniger darauf was ich wann wie hätte spielen können. Meine Vorbereitung während des Turniers gestaltete ich anders. Ich lagerte Such und Analysieraufgaben in der Vorbereitung an eine kostenpflichtigen Version von Anthropic’s „Claude“. Diese benutzte ich auch, um auf wichtige Beispielpartien in bestimmten Eröffnungsvarianten erkennen zu lassen. Mittels dieser Beispielpartien versuchte ich dann Pläne und Zugfolgen besser zu verstehen. Bis dahin hatte ich mich auf Auswendiglernen von Varianten verlassen.

Eine zweite Erkenntnis ist aber nicht neu, nur zeigt sich wiederholt, dass das Analysieren und Verstehen der eigenen Partien und Partien von guten Schachspielern zuerst ohne Engine-Unterstützung für mich der Schlüssel dafür bleibt dann am Brett gut reagieren zu können, auch wenn man öfters von langen Damenzügen überrascht wird. Es geht nur begrenzt um Wissen, sondern viel mehr um Können. Weltmeister in den theoretischen Varianten zu sein, nutzt am Brett nicht so viel, wie viele denken!

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