Als die sechste Runde gestern abend bei der OIBM gespielt war, waren zwei Drittel des Turniers geschafft. Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen. Vielmehr Partien werden durch einfache taktische Fehler entschieden, ein Zeichen wenn die Kondition und Kraft nachlässt. Augen zu und durch heisst es bei vielen. Andere wiederum beissen sich fest in ihre Partien und verteidigen und verteidigen und verteidigen, bis der letzte Bus nach Bad Wiessee weggefahren ist und ein Taxidienst den Transport übernehmen muss.
Christian kam gut durch die Runde. Sein Gegner war nominell etwas schwächer und vor allem etwas älter. Christian versuchte wieder einmal in die Philidor-Verteidigung zu kommen – „das hat mir Vitaly so empfohlen“. Irgendwie sah es mehr als Dreibauernangriff im Pirc aus. Aber Christian spielte einfach konzentriert auf und brachte seinen Gegner früh in die Defensive. Der gegnerische König versuchte sich zuerst in einer langen „künstlichen“ Rochade, dann wanderte er wieder in die Mitte um wenig später wieder zurück an den Damenflügel zu flüchten. Christian ließ sich nicht beirren und gewann sicher die Partie.
Ich selbst hatte mir ein „bye“ genommen. Quasi auf dem letzten Drücker (die sechste Runde) kann jeder Spieler bei diesem Turnier einmal eine Runde Auszeit nehmen, er wird dann nicht ausgelost und bekommt aber ein Remis gutgeschrieben. Die letzten drei Runden sind von dieser Regelung ausgeschlossen. Mein Kopf und Körper waren nach fünf Runden erschöpft. Das Wetter meinte es gut mit mir. Es gab Sonnenschein, während es die letzten Tag ausschliesslich verhangenen Himmel und Nebel hatte. Wir spielen ja an einem großen See. Weniger gut meinte es die Betreibergesellschaft der Wallberg-Seilbahnen, nicht nur mit mir, sondern auch mit etlichen anderen Ausflüglern, die auf dem Hausberg der feinen Gesellschaft in Rottach-Egern den wunderbaren Blick auf den See, aber auch in die Alpen geniessen wollten. „Wegen vorgezogener Revision bis zum 5.Dezember geschlossen“, las ich, nachdem ich bei doch recht frischen Temparaturen 12km mit dem Fahrrad zur Talstation gefahren war.
Es ist eine Übergangszeit hier am Tegernsee. Der Sommer/Herbst ist endgültig passé, ab Mitte Dezember beginnt die Wintersaison. Einige Touristenaktivitäten haben vorübergehend geschlossen. Mir blieb die schöne, wenn auch doch bitterkalte Rückfahrt und viel Zeit zum Entspannen. Natürlich habe ich doch etwas fürs Schach gemacht. Zu sehr reizt mich das Thema, wie man mit KI sein Trainingszustand bzw. seine Schachfähigkeiten doch noch etwas verbessern kann.
Nachmittags blieb dann viel Zeit, um endlich auch mal an den Spitzenbrettern des Turniers länger zuzuschauen. Nach 2h Stunden kam mir ein Spruch meines Vaters in den Sinn, wenn er uns vor einem starken Gegner aufbauen wollte: „Die kochen alle nur mit Wasser“. Schon damals hatte ich immer eine Antwort auf der Zunge parat, die ich selten aussprach: „Aber deren Wasser hat die bessere Qualität“. Was ich sah, war für mich alles verständlich, Frederik Svan an Brett 3 gewann „spielerisch“ leicht, in dem er seiner tapfer kämpfenden Gegnerin erst drei vereinzelte Bauern machte und dann nacheinander zwei davon einzukassieren; Abwicklung ins Endspiel, das war es!
Aber ich verstand auch nicht, warum sich unser junges Nachwuchstalent Besou Hussain gegen den indischen GM GN Gopal so in die Defensive drängen ließ, nachdem nach meinem Dafürhalten die Eröffnung eigentlich gut für ihn lief:
Ich würde gerne einmal erfahren, wo die Spitzenspieler ihr Wasser beziehen, bzw. welches Gerät sie zum Wasserkochen verwenden. Da gibt es irgendetwas fern von allen taktischen und strategischen normalen Eigenschaften im Schach, dass sich mir verschlossen hält. Vielleicht die Art und Weise, wie gute Spieler intiutiv wissen, wohin sie ihre Figuren am besten stellen. Oder vielleicht, dass sie einfach komplexe Stellung länger aufrechterhalten können, während ich doch recht früh wegen Kräftemangels vereinfachen muss. Ich wäre gerne einmal Gedankenleser bei einem der Jungs.
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