Ein Turnierbericht von IM Nicolas Clery

Der Spielsaal im Casino „Grand Pasino“ – Schauplatz des Open International d’Aix-en-Provence.
Das Open International d’Aix-en-Provence fand vom Samstag, den 18. Juli, bis Sonntag, den 26. Juli 2026, im Casino „Grand Pasino“ statt. Es war die dritte Auflage in diesem Format – und ich war ebenso oft dabei. In diesem Jahr gehörte das Turnier zur FIDE-Grand-Prix-Serie, der Qualifikation für das Kandidatenturnier (das einzige französische Turnier in diesem Zyklus).
Eine Partie pro Tag um 14:30 Uhr (die letzte um 9:30 Uhr) und optimale Spielbedingungen: klimatisierter Saal, absolute Stille, Live-Übertragung der ersten 16 Bretter im Internet, großzügig auseinanderstehende Tische und die lange Bedenkzeit von 1 Std. 40 Min. für 40 Züge, danach 30 Minuten + 30 Sekunden pro Zug für den Rest der Partie – all das garantiert die bestmögliche Spielqualität. Remisangebote vor dem 30. Zug waren untersagt.
Ein inzwischen gut eingespieltes Anti-Betrugs-System: keine Besucher im Spielbereich, Uhren für Spieler verboten, Taschenkontrolle am Eingang und stichprobenartige Metalldetektor-Kontrollen bei Toilettengängen.
Ein paar Zahlen
📅 9 Wettkampftage
🌍 447 Spieler in 3 Open-Turnieren
🌎 56 vertretene Nationen
♟️ Über 200 Titelträger
🏅 14 erfüllte Normen
📧 1.654 eingegangene Teilnahmeanfragen
Im Open A, das Spielern mit einer Elo-Zahl über 2100 vorbehalten war, betrug der 1. Preis 8.000 €. 297 Spieler waren gemeldet. Wenig überraschend sinkt das Durchschnittsalter von Jahr zu Jahr: 135 Senioren-Spieler standen 167 Spielern unter 18 Jahren gegenüber. Mit 2308 Elo-Punkten startete ich auf Platz 149 der Setzliste.
Mehrere internationale Delegationen waren vor Ort, um ihre Mannschaften auf die Schacholympiade im Herbst vorzubereiten. Etliche Spitzenspieler nahmen teil: Ian Nepomniachtchi (2735 Elo), einer der besten Großmeister der Welt – zweifacher Sieger des Kandidatenturniers, zweifacher WM-Vizeweltmeister in klassischer Bedenkzeit (WM-Kämpfe gegen Carlsen 2021 und Ding 2023) und Blitz-Weltmeister 2024.
Die Iraner Mohammad Amin Tabatabaei und Parham Maghsoodloo, Spitzen-Großmeister mit 2722 bzw. 2705 Elo, sowie insgesamt 12 Spieler mit über 2600 Elo – darunter das 19-jährige französische Ausnahmetalent Marc Andria Maurizzi (GM, 2628 Elo).
Ehemalige Weltklassespieler wie GM Baadur Jobava und GM Ilia Smirin belegten die Plätze 19 und 20 der Setzliste.

Weltklasse am Brett: u. a. GM Tabatabaei (links) unter den Top-Startern des Turniers.
Das englische Wunderkind Bodhana Sivanandan, erst 11 Jahre alt und bereits über 2300 Elo, sowie die amtierende serbische Europameisterin Teodora Injac (2430 Elo) rundeten das Teilnehmerfeld ab.

Konzentration am Brett – auch die jüngeren und weiblichen Spitzenkräfte des Feldes sorgten für packende Partien.
Eine weitere Besonderheit in diesem Jahr: Das Finale (und das kleine Finale) der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 fanden während des Turniers statt! Endstand: 1. Spanien, 2. Argentinien, 3. England, 4. Frankreich.
Runde 1
Ich finde mich an Brett 4 mit Weiß gegen den armenischen GM Martirosyan (2653 Elo, aktuell 56. der Weltrangliste) wieder.
Mit weniger als 30 Minuten Vorbereitung entscheide ich mich für ein solides, positionelles Damengambit mit dem selten gespielten 4.Lg5. Die Stellung bleibt lange ausgeglichen, doch Schritt für Schritt übernimmt Schwarz die Initiative und gewinnt nach vier Stunden Spielzeit einen Bauern. Das anschließende Endspiel ist aussichtslos. Ich gebe im 50. Zug auf. Fazit: ein schwieriger Wiedereinstieg (ich hatte seit dem Ende der Mannschaftskämpfe im März keine lange Partie mehr gespielt), aber das Gefühl für das Spiel kehrte schnell zurück, und insgesamt war es keine schlechte Partie – nur ein paar Ungenauigkeiten an entscheidenden Stellen, und auf diesem Niveau wird so etwas gnadenlos bestraft.
Martirosyan gewinnt das Turnier am Ende mit 7,5 Punkten aus 9 Partien, punktgleich mit seinem Landsmann Robert Hovhannisyan (2628 Elo).

Runde 1 im Livestream: Nicolas Clery (rechts) gegen GM Haik Martirosyan.
Runde 2
Mit Schwarz spiele ich gegen eine junge indische Juniorin (2213 Elo). Die erste Partie zu verlieren war „normal“, aber das Turnier mit 0,5 aus 2 zu beginnen – und schon gar nicht durch eine weitere Niederlage – wäre fatal gewesen. Das ist also bereits ein Wendepunkt: Mit Schwarz gewinnen, was nie einfach ist.
Es kommt zu einer Französisch Tarrasch (3.Sd2). Auf dem Brett ist die Stellung nach 15 Zügen ausgeglichen, an der Uhr dagegen völlig unausgeglichen – sie hat viel zu viel Zeit verbraucht und liegt eine Stunde zurück. Sie muss also schneller spielen, um den 40. Zug zu erreichen und die zusätzlichen 30 Minuten Inkrement zu bekommen. Das gelingt ihr, allerdings verliert sie dabei einen Bauern. Das Endspiel ist damit für mich gewonnen. Meine technische Ausführung ist alles andere als makellos, aber nach 64 Zügen im Turmendspiel und 5,5 Stunden Spielzeit hole ich den Punkt.
Runde 3
Mit 1 Punkt aus 2 Partien treffe ich auf einen französischen Spieler Anfang dreißig (2105 Elo). Er hat bereits zwei Spieler mit über 2300 Elo zu Remis gehalten und spielt damit ein ausgezeichnetes Turnier.
Mit Weiß entscheide ich mich diesmal für ein Katalanisch (mein Damengambit aus Runde 1 wurde live übertragen, die Eröffnung war also bekannt). Das funktioniert sehr gut, denn er ist darauf nicht gut vorbereitet. Ich erhalte einen klaren positionellen Vorteil und einen erheblichen Zeitvorsprung. Es folgt ein langes technisches Endspiel (Turm und Springer gegen Turm und Läufer), in dem sein Läufer nie Aktivität findet. 1:0 nach 52 Zügen und über 5 Stunden Spielzeit.
Runde 4
Mit 2 Punkten aus 3 treffe ich mit Schwarz auf einen 22-jährigen indischen Spieler, IM mit 2439 Elo. Er wählt mit 1.d4 Sf6 2.Lf4 eine wenig scharfe Eröffnung. Es entsteht eine eher geschlossene Mittelspielstruktur. Nach gegenseitig neutralisierten Abtauschmanövern wird im 34. Zug remis gegeben. Ein sehr gutes Ergebnis mit Schwarz: 2,5 Punkte aus 4.
Runde 5
Mit Weiß gegen den französischen IM Pavel Govciyan (2432 Elo). Nach einem Katz-und-Maus-Spiel in der Eröffnung entsteht eine Stonewall-Struktur, mit der er sichtlich Schwierigkeiten hat. Sein sehr passiver weißfeldriger Läufer bleibt seine einzige Leichtfigur gegen meinen Springer auf e5, der das ganze Brett dominiert. Ab dem 30. Zug ist die Stellung komplett gewonnen – sogar zu gewonnen, denn bei der Fülle an Möglichkeiten und dem Zögern, die sicherste davon auszuwählen, verliere ich – wohl aus Konzentrationsmangel – den Faden, vermische mehrere Ideen und gebe ihm dadurch neue Hoffnung in einem Endspiel, in dem die Damen noch auf dem Brett sind. Ich muss die Partie also ein zweites Mal gewinnen. Das gelingt nach 72 Zügen. Es ist fast 20:30 Uhr, als ich den mittlerweile leeren Saal verlasse: Nur noch zwei andere Partien laufen zu diesem Zeitpunkt. Der Sieg ist eine Genugtuung, aber welch unnötiger Energieaufwand.
3,5 Punkte aus 5 – im Jargon der Spitzenspieler „+2“, also zwei Siege mehr als der Durchschnitt, der hier bei 2,5 aus 5 läge. Nach der Niederlage in Runde 1 folgte also ein ausgezeichnetes 3,5 aus 4. Runde 6 kündigt sich hart an.
Runde 6
Das kann man wohl so sagen … die Paarungen werden erst gegen 22:30 Uhr veröffentlicht.
Es wird Ian Nepomniachtchi (2735 Elo), Brett 34, mit Schwarz. Er hat Runde 5 mit Weiß verloren, weil er unbedingt gegen einen jungen norwegischen GM gewinnen wollte (man kann es sich nicht ausdenken). Er steht nur bei 3 Punkten aus 6, und ich bin damit „Flotteur“ mit einem halben Punkt mehr als er.
Nach der Aufregung über diese Überraschung und die immense Ehre, gegen einen solchen Spieler antreten zu dürfen, lege ich meine Strategie fest: Angesichts der bereits am Brett verbrachten Zeit seit Turnierbeginn (plus die tägliche Vorbereitung) und meiner heutigen Partie von fast sechs Stunden werde ich am nächsten Morgen nur kurz vorbereiten und darauf achten, mich in dieser Partie nicht zu verausgaben – denn danach kommen noch drei Runden. Die extrem wichtigen Runden 7, 8 und 9: die „Money-Time“, wie man sagt.
Schwarz zu haben ist in gewisser Weise von Vorteil, um den Bonus von Weiß nicht ganz zu verlieren.
Die Partie beginnt erneut mit einer Französisch Tarrasch (3.Sd2), obwohl er sonst eher 3.Sc3 spielt. Natürlich kann er auf diesem Niveau alles spielen – besonders mit Weiß. Es hätte genauso gut 1.c4 oder 1.Sf3 sein können … Das bestätigt nur, dass es sinnlos war, sich gezielt vorzubereiten.
Nach der Eröffnung habe ich eine ganz zufriedenstellende Stellung. Ein leichter Vorteil für Weiß, klassisch für diese Eröffnung. Und ausgeglichene Uhren, was überrascht – normalerweise spielt er sehr, sehr schnell (oft zu schnell). Aber an diesem Tag nicht; die Niederlage vom Vortag hat ihn sichtlich geprägt.
Im 17. Zug spiele ich einen schlechten Zug. Die Idee war gut, aber es gab einen entscheidenden Haken und den sofortigen Verlust eines Bauern. Ich gebe sechs Züge später auf. Die Stellung war völlig kompromittiert.
Eine unglaubliche Erinnerung, die bleiben wird.
Die Partie war qualitativ nicht hochwertig (zumindest meinerseits), aber immerhin recht kurz – gut zwei Stunden – und das Turnier geht weiter. 3,5 Punkte aus 6.

Namensschild und Brett von Ian Nepomniachtchi (2735) während der 6. Runde.
Runde 7
Tom Decuignière: ein junger, stark aufstrebender französischer IM mit 2438 Elo – und ich habe zum zweiten Mal in Folge Schwarz.
Kein Losglück also.
Ich entscheide mich, mit Schwarz aggressiv zu spielen. Die Eröffnung wird komplex, dann verliere ich im Mittelspiel einen Bauern. Es folgt ein für Weiß überlegenes Endspiel, dessen Umsetzung sich als ziemlich technisch erweist. Nach zahlreichen Wendungen gewinnt Weiß nach 75 Zügen und wieder sechs Stunden Spielzeit. 3,5 Punkte aus 7, mit zwei Niederlagen in Folge – und ich bin wieder bei 50 %.
Runde 8
Mit Weiß gegen einen 14-jährigen jungen Italiener mit 2222 Elo. Die klassische Fallen-Paarung: Er hat eher im unteren Feld gespielt, ich eher im oberen – und nun stehen wir uns gegenüber.
Sicherlich nicht dieselbe Energie nach sieben Partien, nicht dieselbe Erholungsfähigkeit nach acht Turniertagen, und dazwischen liegen 30 Jahre Altersunterschied.
Aber Erfahrung und Technik sind auf meiner Seite. Es wird ein Doppel-Fianchetto (auf Italienisch „kleines Schloss“: g3, Lg2 und b3, Lb2). Objektiv bringt mir die Eröffnung nicht viel außer einer ausgeglichenen, relativ einfach zu spielenden Stellung ohne Komplikationen, mit zwei möglichen Ergebnissen: Gewinn, wenn ich Druck aufbauen kann, oder Remis, wenn er gut verteidigt.
Am Ende eines Turmendspiels steht ein schöner Sieg (62 Züge), der Freude macht. (Ich habe vergessen, ihn zu fragen, welches Team er bei der Fußball-WM unterstützt hat.)
4,5 Punkte aus 8 – und die Gewissheit, das Turnier mit mindestens 50 % zu beenden, was schon eine gute Leistung ist.
Runde 9
Ich hatte gehofft, zum zweiten Mal in Folge Weiß zu bekommen, doch nein: erneut Schwarz, gegen einen israelischen GM (2439 Elo). Damit hätte ich in den letzten vier Runden dreimal Schwarz gehabt – die Göttin Caissa war mir nicht besonders wohlgesonnen.
Die Runde beginnt um 9:30 Uhr, und er spielt wahlweise 1.e4, 1.d4 und 1.c4. Praktisch – da kann man den Laptop gleich zuklappen: Ende der Vorbereitung. Ich hatte immerhin gesehen, dass er ein paar Runden zuvor eine neue Idee gegen Französisch gespielt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sie wiederholt, ist gering, ich prüfe die Unterlinie trotzdem sicherheitshalber.
Am Ende wird es 1.Sf3. Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich für Ostindisch – wirklich keine Lust, zum Turnierabschluss eine etwas passive Stellung zu verteidigen.
Das Mittelspiel ist hochkomplex, aber ich spüre, wie er den Faden verliert und sich auf einen schlechten Plan am Damenflügel einlässt. Ich reagiere im Zentrum und erlange einen klaren Vorteil. Um den 30. Zug herum verpasse ich sogar einen – nicht allzu komplizierten – Gewinn. Die Müdigkeit verschont niemanden.
Danach verteidigt er sich gut und findet beim Übergang ins Endspiel ein ewiges Schach, indem er seinen Springer opfert. Remis.
Endstand: 5 Punkte aus 9 und Platz 91 in der Gesamtwertung. Sehr zufrieden mit meinem Turnier und mit dem Inhalt der Partien. Es gibt natürlich immer Dinge zu verbessern – keine Frage. Und 15 Elo-Punkte dazugewonnen.
Fortsetzung folgt!
Die Partien im Überblick

Rundenergebnisse von IM Nicolas Clery (2308) – Endstand 5/9, Platz 91.
Die vollständige amerikanische Kreuztabelle des Turniers gibt es hier: echecs.asso.fr
Bericht: IM Nicolas Clery. Aus dem Französischen übersetzt für freibauer80.de.
