WDL Contempt in HIARCS Chess Explorer Pro: Die 7 Parameter im Zusammenspiel

es wird ein wenig „nerdig“ aber ich hoffe interessant….der Artikel beschreibt die Parameter, die natürlich auch in anderen Programmen entsprechend geändert werden können, z.B. in Scid usw.

Im Engine-Konfigurationsmenü von HIARCS Chess Explorer Pro taucht Leelas (Lc0) WDL-Contempt-Feature nicht nur bei drei, sondern bei sieben Parametern auf. Wer nur WDLCalibrationElo, WDLDrawRateReference und WDLEvalObjectivity kennt, sieht nur die Kalibrierungsseite – der eigentliche Auslöser des Features, Contempt und ContemptMode, bleibt dabei unbeleuchtet. Dieser Artikel bringt alle sieben Parameter in ihren logischen Zusammenhang und zeigt, wie sie gemeinsam für die Eröffnungsvorbereitung, für Aggressivitätssimulation und für rein objektive Analyse konfiguriert werden.

Warum es sieben statt drei Parameter sind

Das WDL-Contempt-Feature, seit Lc0 Version 0.30 verfügbar, funktioniert wie eine Kette: Ein Parameter löst die Verzerrung der Bewertung aus, drei weitere sorgen für die korrekte Kalibrierung, und zwei zusätzliche regeln, wie das Ergebnis am Ende angezeigt wird. Ohne den auslösenden Parameter bleiben die Kalibrierungswerte wirkungslos – und ohne korrekte Kalibrierung liefert der auslösende Parameter keine realistischen Werte.

ParameterFunktion in der Kette
ContemptAuslöser: simulierter Elo-Vorteil/-Nachteil gegenüber dem Gegner
ContemptModeAuslöser: legt fest, wie und wo der Contempt-Wert angewendet wird
WDLCalibrationEloKalibrierung: eigene Spielstärke, Basis für das Umrechnungsmodell
WDLDrawRateReferenceKalibrierung: Referenz-Remisrate des verwendeten Netzes
WDLEvalObjectivityAnzeige: wie objektiv bzw. contempt-gefärbt die Bewertung ausgegeben wird
DrawScoreAnzeige/Sonderfall: verschiebt die Remisbewertung, v. a. für Armageddon
ScoreTypeAnzeige: in welcher Form die Bewertung dargestellt wird (u. a. WDL_mu)
Screenshot

Die Parameter im Detail

Contempt – der Auslöser

Contempt ist der simulierte Elo-Vorteil für die WDL-Umrechnung und entspricht in der Praxis der Stärkedifferenz zum Gegner aus der eigenen Perspektive: positiv, wenn man selbst stärker eingeschätzt wird, negativ, wenn der Gegner stärker ist. Ohne einen von 0 verschiedenen Contempt-Wert bleibt das gesamte Feature de facto inaktiv, selbst wenn WDLCalibrationElo korrekt gesetzt ist.

ContemptMode – wo der Effekt greift

Dieser Parameter bestimmt, wie asymmetrische WDL-Parameter angewendet werden. Für reguläres Spiel (z. B. gegen einen anderen Engine-Gegner) ist play der passende Modus. Für die eigene Eröffnungsvorbereitung am Brett verwendet man stattdessen white_side_analysis oder black_side_analysis, je nachdem, aus welcher Perspektive man analysiert. Mit disable lässt sich der Contempt-Mechanismus vollständig abschalten, ohne die übrigen Werte zurücksetzen zu müssen.

WDLCalibrationElo – die eigene Bezugsgröße

WDLCalibrationElo ist die Spielstärke, auf die das WDL-Modell kalibriert wird – in der Praxis die eigene Elo, angepasst an die Bedenkzeit. Der Standardwert 0 deaktiviert die Kalibrierung vollständig und liefert die rohen, unkalibrierten WDL-Werte des Netzes. Wichtig: Bei höherem WDLCalibrationElo hat derselbe Contempt-Wert einen schwächeren Effekt auf Bewertungen und Zugvorschläge – die beiden Parameter wirken also nicht unabhängig voneinander.

WDLDrawRateReference – die Netz-Referenz

Damit das Kalibrierungsmodell korrekt rechnet, muss es wissen, welche Remisrate das verwendete Netz bei Standardeinstellungen liefert. Passende Werte hängen vom Netz ab:

Netz-GenerationWDLDrawRateReference
Aktuelle T80-Netze0.65
BT4 / T2 / ältere T80-Netze0.62
T79 / T750.47
T740.43

Solange WDLCalibrationElo auf 0 steht, bleibt auch dieser Parameter ohne Wirkung.

WDLEvalObjectivity – objektiv oder matchup-gefärbt anzeigen

Dieser Parameter regelt, wie objektiv die Bewertung der letztlich gewählten Züge ausfällt – unabhängig davon, wie stark Contempt die Zugauswahl selbst beeinflusst hat. Zwei bewährte Kombinationen mit dem verwandten Parameter WDLContemptAttenuation (der die Stärke des Contempt-Effekts dämpft):

  • WDLEvalObjectivity = 0.0 mit WDLContemptAttenuation = 1.0: realistische WDL-Werte für das konkrete Matchup, auch zum Live-Mitverfolgen von Partien geeignet.
  • WDLEvalObjectivity = 1.0 mit WDLContemptAttenuation zwischen 0 und 1: unterschiedliche Aggressivitätsgrade in der Zugauswahl, aber objektive Bewertung der gewählten Züge.

DrawScore – der Sonderfall Armageddon

DrawScore verschiebt die Remisbewertung aus Sicht von Weiß. Der Standardwert 0 entspricht normaler Wertung, der Wert -1 entspricht Armageddon-Wertung, bei der ein Remis für Weiß wie eine Niederlage zählt. Für reguläre Eröffnungsvorbereitung bleibt dieser Parameter in der Regel auf 0.

ScoreType – wie die Bewertung dargestellt wird

ScoreType legt fest, ob die Bewertung als Centipawns, als Gewinnwahrscheinlichkeit oder als interner Q-Wert angezeigt wird. Der Wert WDL_mu ist die gängige Wahl in Kombination mit dem Contempt-Feature, da er die durch WDLEvalObjectivity beeinflusste Bewertung sichtbar macht.

Praktische Konfiguration nach Anwendungsfall

A) Eröffnungsvorbereitung gegen einen konkreten Gegner

ParameterWert
ContemptElo-Differenz zum Gegner aus eigener Perspektive
ContemptModewhite_side_analysis bzw. black_side_analysis
WDLCalibrationEloeigene Elo (z. B. 2250)
WDLDrawRateReferencepassend zum Netz (siehe Tabelle oben)
WDLEvalObjectivity0.0
WDLContemptAttenuation1.0
ScoreTypeWDL_mu

B) Aggressivitätsgrade simulieren, Bewertung aber objektiv halten

ParameterWert
ContemptElo-Differenz (steuert die Zugauswahl)
WDLCalibrationEloeigene Elo
WDLEvalObjectivity1.0
WDLContemptAttenuationzwischen 0 und 1 (0.5 als guter Kompromiss)

C) Live-Partie mitverfolgen bzw. rein objektive Analyse

ParameterWert
Contempt0
ContemptModedisable (optional, zur Klarheit)
WDLCalibrationElo0
DrawScore0

Konkretes Beispiel

Ausgangslage: Weiß mit 2250 Elo gegen einen Gegner mit 2100 Elo, klassische Bedenkzeit, BT4-Netz.

Contempt: 150

ContemptMode: white_side_analysis

WDLCalibrationElo: 2250

WDLDrawRateReference: 0.62

WDLEvalObjectivity: 0.0

WDLContemptAttenuation: 1.0

ScoreType: WDL_mu

Screenshot

Ist der eigene Gegner stärker (z. B. 2400 Elo), wird Contempt entsprechend negativ gesetzt: Contempt: -150. Zusätzlich empfiehlt sich ein Zuschlag von rund 50 Elo auf WDLCalibrationElo pro Verdopplung der Bedenkzeit, ausgehend von einer Basis von 3 Minuten plus 2 Sekunden Inkrement.

Fazit

Das WDL-Contempt-Feature besteht aus einer kleinen, aber zusammenhängenden Gruppe von sieben Parametern. Contempt und ContemptMode lösen den Effekt aus, WDLCalibrationElo und WDLDrawRateReference sorgen für eine realistische Kalibrierung, und WDLEvalObjectivity zusammen mit ScoreType und – für Armageddon – DrawScore bestimmen, wie das Ergebnis am Ende angezeigt wird. Wer alle sieben im Zusammenhang versteht, kann Leela gezielt zwischen objektiver Analyse und matchup-bezogener Eröffnungsvorbereitung umschalten.

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