Das zweite Mal nach 2024 spielte ich am vergangenen Wochenende ein Schnellschachturnier der besonderen Art, in Echternach im schönen Luxemburg gelegen. Während ich noch 2024 zusammen mit Vitaly die Freibauernfarben vertrat, war ich diesmal ganz auf mich alleine gestellt. Was ist an diesem Turnier so besonders, dass sich eine dreitägige Reise knapp 220km vom Weschnitztal enfernt lohnt? Normalerweise dauern Schnellschachturniere einen Tag, nach 6 Stunden ist alles vorbei und die Karawane zieht weiter zum nächsten Geldtopf.
In Echternach ist die Bedenkzeit anders, irgendwo zwischen richtigen Schnellschach mit 15 Minuten pro Partie und der normalen „langen“ Bedenkzeit. Jeder Spieler bekommt 40 Minuten Grundbedenkzeit und 5 Sekunden Inkrement pro Zug. Die Partie fängt dann auch wie eine normale lange Partie an, um irgendwann immer schneller zu werden. In der Regel können Lernbegierige mitschreiben und versuchen aus ihren Fehlern zu lernen, so wie ich, unverbesserlich trotz 64 Jahren Lebenszeit. Jede Runde dauert dann inklusive Ergebnismeldung und Auslosung ca. 2h! Samstags geht das Turnier gegen 10:30h los, 10h später sind 5 Runden gespielt. Dann eine Schlafpause und am nächsten Tag nochmal in 4 Runden und insgesamt 8h Spieldauer. Das ist kein Schnellschachsprint, sondern Schnellschachmarathon! Und es kommt dem langsamen Schach sehr nahe, ist aber auf zwei Tage komprimiert.
Das wäre ein Grund nach Echternach zu kommen und zu spielen, eben nicht nur Schach-Fast-Food. Der zweite Grund ist einfach historisch bedingt. Luxemburg hat ein paar sehr idyllische Flecken, zu dem eben jenes Echternach gehört, das an einem mittelgrossen Fluss Sauer liegt, der einige Kilometer später dann die Mosel füttert.

Der Fluss Sauer trennt Luxemburg von Deutschland. Auf Luxemburger Seite liegt Echternach auf deutscher Seite gegenüber Echternachbrück mit einem schönen Campingplatz direkt am Fluss. Der Fluss selbst ist zwar recht breit, ca. 3x so breit die Weschnitz bei Weinheim, aber maximal knapp hüfttief wenn auch mit relativ starker Strömung. An flacheren Uferstellen sassen Menschen in Badehosen mit Stühlen im Wasser, sicherlich eine angenehme Art mit der Hitze, die auch dort alles im Griff hatte, umzugehen.
Ein weiterer Grund ist einfach die historische Spielstätte in den ehemaligen Klosteranlagen von Echternach. Im frühen siebten Jahrhundert gründete ein gewisser Willibrord von England kommend in Echternach ein Kloster, dass eines der wichtigsten Zentren für die Christianisierung von Westeuropa, Niederlande, Belgien, und Deutschland wurde. Das Kloster wuchs und wuchs zu einer riesigen Anlage, mit grosser Baslika etlichen Nebengebäuden und einem imposanten Kreuzgang.



Dann kam die französische Revolution, Revolutionäre plünderten das Kloster, verjagten die Mönche, und verkauften die Gebäude an einen Steinbruch-Inhaber, der aus der großen Basilika ein Steinbau-Unternehmen machte, ohne sich allerdings großartig um den Erhalt der Gebäude zu kümmern. Siebzig Jahre später kaufte eine „Kirchenbauverein“ die fast verfallene Klosteranlage und sorgte unter hohem finanziellen, zeitlichen und materiellen Aufwand für die Wiederherstellung der Kirche und der Klostergebäude. Heute ist im ehemaligen Klostergebäude ein Gymnasium mit angeschlossenen Internat untergebracht. Ich nutzte die Zeit vor dem Turnier freitags und samstags für eine Kurzvisite in der imposanten Basilika inklusiver der Gruft mit der Grabliege des heiligen Willbrord. Gespielt wurde in den Innenräumen und dem Kreuzgang. Dort passten mühelos 180 Bretter entsprechend der Teilnehmerzahl dieses Turnieres.

Kurz vor Turnierstart herrschte noch Ruhe an allen Brettern im Kreuzgang. Während draußen 35° Grad Celsius waren, sorgten die dicken alten Mauern für angenehme „Betriebstemperatur“ von ca. 24°C, ganz ohne Klimageräte. Für Speisen und Getränke sorgte ein emsiger lokaler Schachklub. Gegen Nachmittag öffnete in der Außenanlage an gut frequentierte Bier- und Grillstand. Die Luxemburger sind eben sehr gemütliche Leute und mit einem kleinen Bier in der einen Hand und eine Bratwurst in der anderen Hand, läßt es sich gut Schachspielen und reden!
Natürlich war ich nervös als es samstags zur ersten Runde ging. Und dann auch gleich gegen einen sehr jungen unbekannten Gegner, der genauso gut wie Franz, Luke oder Jakob spielen könnte. Nach 15 Zügen legte ich meine Nervosität ab, der Junge hatte zwar eine gute Stellung, in dem ihn aber nichts mehr einfiel. Der Rest war Sache meiner Erfahrung. Auch in der zweiten Runde hatte ich noch ein leichtes los, was ich allerdings erst merkte, als ich nach 58 Zügen endlich entscheidend Material gewinnen konnte. Wie gesagt Marathon, und der nächste Gegner ist immer der schwerste!
In dicken Brocken bekam ich dann mit Leonid Milov in der dritten Runde und hatte zudem auch noch Schwarz. Wir spielte an Brett 6 unter den Augen einer dichten Zuschauertraube. Ich spielte meine beste Partie im Turnier, hielt in der Eröffnung stand und fing an meinen Gegner im Endspiel mit einem besseren Springer gegen einen schlechteren Läufer zu überspielen. Ich erreichte die folgende klar bessere Stellung. Aber Leonid wehrte sich mit allen Kräften und kam in ganz kleinen Trippelschritten zurück. Wir hatten unser Grundbedenkzeit aufgebracht und lebten nur noch vom Inkrement. Ich nicht der einzige in diesem Turnier und an diesen Tagen, der gegen einen starken Grossmeister erst in dieser Phase überspielt wurde.

Leonid hatte hier als letzten Zug 38.Lh3-c8 gezogen. Ich wollte eigentlich 38…Txh2+ spielen, entschied mich kurzerhand aber für 38…e4, worauf 39.h3 e3 folgte, ich setzte alles auf meinen Freibauern! Nach 40. Lg4 erwachte ich zum ersten Mal aus meinen Träumen und fand bei beiderseitiger sehr knapper Bedenkzeit in der Folge immer nur die fünftbesten Züge, im Gegensatz zu meinem Gegner, der immer besser wurde! Etwas ärgerlich, aber vorher wirklich gut gespielt!
Der Tag endete mit zwei Unentschieden, wobei das Unentschieden in der fünften Runde kurios war. Ich hatte wiederum Schwarz und spielte gegen die siebzehnjährige Anastasia Ahn vom Schachklub Echterhnach, die ruhig und postionell spielte. Zuerst hatte ich einen isolierten Bauern noch mit Kompensation, dann einen isolierten Bauern ohne Kompensation. Meine Bedenkzeit wurde knapp und ich merkte, dass es so nicht weitergehen konnte. Also fing ich an im trüben zu fischen und opferte eine Qualität zumindestens mit der Aussicht auf Königsangriff über geschwächte weiße Felder bei meiner Gegnerin. Erst hatte ich nur noch Inkrementsekunden zu spielen, dann aber auch meine Gegnerin. Wir blitzten hin und her und es enstand folgende Stellung:

Stellung nach 31…Dh5. Ich drohte unangenehm auf h2 einzusteigen. Es folgte 32. f4 exf3 ep 33.Txc6! f2+ 34.Txf2 Txf2 35.Dxd5+ Tf7. Beide hatten wir nur Sekunden auf der Uhr und lebten von den jeweiligen Inkrementsekunden. Anastasia hätte möglicherweise auch nicht mit mehr Bedenkzeit gesehen mit welchem 36ten Zug sie leichten Vorteil hatte halten können. So spielte sie reflexartig 36.Tc8+ Kg7 37.Dd4+ Sf6 38.b5 axb5 39.axb5. Und hier hätte ich den Spieß umdrehen können, war aber zur sehr im Tunnel und darauf bedacht nicht zu verlieren. Nach 39…De2 De5 bot ich mit 40.De1+ Dauerschach und Remis.

Auf der Rückfahrt am ersten Tag in meine Unterkunft, die etwas oberhalb von Echternach lag, schoss ich beeindruckende Fotos von den Felsformationen oberhalb des Sauertals. Nicht erkennbar ist ein schmaler Treppeneinstieg kurz vor dem Auto, der kaminaritg nach noch weiter oben führt.
Der Auftakt am Sonntagmorgen gelang mir. Mit Weiß spielte ich in der sechsten Runde zwar nicht blendend, aber immer kontrolliert und konnte am Ende etwas glücklich aber durchaus verdient gewinnen. Dann hätte es in Runde 7 noch höher gehen können, aber ich liess im Endspiel den Gewinn liegen. Mein Gegner verweigerte hartnäckig mein Remisangebot, in der Folge konnte ich meine Figuren und Bauern deutlich besser plazieren und erzielte die folgende besser stehende Stellung:

Weiß ist am Zug, verzeichnet aber einige Nachteile. Seine Bauenr am Damenflügel sind auf der Farbe seine Läufers festgelegt. Mein Se5 und Lb7 stehen deutlich besser als die weißen Pendants. Mein Gegner überlegt lang und entschloss sich dann zu 30.Sd5+ Lxd5 31.cxd5. Hier plante ich eigentlich mit meinem König über e7 nach d6 zu wandern, so war zumindestens meine Vorausberechnung. Warum ich das nicht zog, bleibt mir ein Rätsel. Ich spielte in der Folge ungenau und berechnete ein Übergang in ein Bauernendspiel falsch, dass dann noch im Remis endete.
In Runde 8 hatte ich wiederum einen Jungspunt als Gegner. Die Partie war am Ende wohl ausgeglichen und Remis. Ein tröstlicher Abschluss dann in Runde 9 gegen einen Maximillian Müller. Nein nicht der Maximilian Müller des Schachclubs Gernsheim, sondern ein Maximilian Müller aus Saarbrücken. Kennt ihr nicht? Ich kannte ich auch noch nicht. Diese Partie war unter mehreren Gesichtspunkten interessant. Saß ich doch überraschenderweise auf der Brettseite, die die Theorie besser kannte und zudem einige taktische Besonderheiten in eben der Eröffnung. Eigentlich ein Sonderfall! Diese Partie möchte ich in den Anfangszügen zeigen:
6 Punkte aus 9 Partien machten mich mächtig stolz. Ich war sehr zufrieden mit meinem Schach und wie ich mich geschlagen haben, auch wenn beim Nachspielen der Partien zu Hause dann doch einige Eindrücke anders erscheinen. Trotz guter Punktzahl wartete ich die Siegerehrung nicht ab, ich rechnete irgendwo mit einem Platz zwischen 30 und 40 irgenwo ausserhalb der Preisränge. Auch hatte ich noch 220km Rückfahrt vor mir und wollte nicht zu spät wegkommen. Am Ende war es der 49te Platz bei 334 Teilnehmer entsprechend meiner Startreihenfolge. Einige Teilnehmer hatten 6 Punkten, mir blieb nur eine schlechtere Feinwertung. Macht nichts! Mein Ziel war nicht die Wertung, sondern, dass ich etwas Spass an Schach wiederfand. Das Ziel habe ich locker erreicht. A lot of fun!
Teilnehmerfeld und Ergebnisse finden sich hier: https://s3.chess-results.com/tnr1403330.aspx?lan=0
Viele Vereine aus Holland, Luxemburg und Belgien, aber auch dem Kölner Umland fahren in Mannschaftsstärke zu diesem Schnellschachturnier. Einige hatte sich sogar extra T-Shirts mit ihrem Vereinsemblem und der Aufschrift „Echternach 2026“ anfertigen lassen. Der nahe Campingplatz auf deutscher Seite, knapp 500m von der Spielstätte entfernt, bietet billige Übernachtungsmöglichkeiten. Vielleicht findet Echternach 2027 mit mehr Freibauern statt.

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