Während sich Scid vs. PC, HIARCS Chess Explorer Pro, ChessX, Cara und En Croissant in unserer Software-Reihe vor allem als Datenbank- und Analyseprogramme präsentiert haben, tritt BanksiaGUI mit einem anderen Anspruch an: Es will möglichst viele Schach-Aufgaben in einer einzigen Oberfläche vereinen – vom einfachen Spiel gegen eine Engine über die Partieanalyse bis hin zum vollwertigen Engine-gegen-Engine-Turnier.
Herkunft und Grundkonzept
BanksiaGUI wird seit 2019 von Nguyen Pham entwickelt und basiert auf seinem Open-Source-Projekt „Banksia“ – einem schlanken, in C++11 geschriebenen Turniermanager für Schach-Engines, der unter der GPLv3+ veröffentlicht wurde. Aus diesem reinen Kommandozeilen-Werkzeug ist mittlerweile eine vollwertige grafische Oberfläche für Windows, macOS und Linux geworden, die sowohl das UCI- als auch das ältere Chess-Engine-Communication-Protocol (Winboard/CECP) unterstützt. Ergänzt wird das Ganze durch eine eigenständige, funktional abgespeckte iOS-Version für iPhone, iPad, Apple Watch und Apple Vision.
Das Projekt versteht sich ausdrücklich als „LIVE“-Software: Neue Versionen erscheinen oft im Abstand von wenigen Wochen, und Nutzerfeedback aus dem eigenen Forum sowie von TalkChess.com fließt auffallend direkt in die Entwicklung ein.
Die Besonderheiten im Überblick
Das mit Abstand prägendste Merkmal ist der eingebaute Turniermanager: Wo Scid, HIARCS oder ChessX Turniere allenfalls rudimentär oder gar nicht unterstützen, kann BanksiaGUI aus dem Stand Engine-Wettkämpfe mit vielen Teilnehmern organisieren – inklusive automatischer Wiederaufnahme abgebrochener Turniere, Eröffnungsbüchern, Zeitkontrollen und, unter Windows, sogar Profiling-Informationen zu CPU- und Speicherverbrauch der beteiligten Engines.
Eine zweite Besonderheit ist die „Extreme Chess Analysis“ (ECA), ein Analysemodus, der bewusst über die klassische Ein-Linien-Betrachtung hinausgeht: Statt nur die Hauptvariante zu berechnen, lässt ECA mehrere Kandidatenzüge parallel vertiefen und behält deren Bewertungen dauerhaft im Zugriff. Wer je vor der Frage stand, wie gut eigentlich der zweit- oder drittbeste Zug in einer kritischen Stellung war, bekommt hier eine Antwort, ohne die Analyse manuell mehrfach neu zu starten.
- Coach-Funktion: BanksiaGUI lässt eine Engine im Hintergrund mitlaufen und markiert Ungenauigkeiten, Fehler und Blunder direkt im Zugverlauf – inklusive eines eigenen Blunder-Graphen zur Partie.
- Lichess-Anbindung: Online-Bots lassen sich direkt aus Lichess abfragen und herausfordern, inklusive automatischer Remis-/Aufgabe-Logik.
- Internet Chess Server: Direkte Verbindung zu klassischen Schachservern, um online zu spielen oder Partien mitzuverfolgen.
- Datenbank-Verschlüsselung: eigene Partiedatenbanken lassen sich passwortgeschützt ablegen – eine Funktion, die in den bisher getesteten Programmen so nicht vorkam.
Konfigurationsmöglichkeiten
BanksiaGUI gilt zurecht als eine der am feinsten einstellbaren Schach-Oberflächen überhaupt. Neue Engines werden per Drag & Drop erkannt und automatisch mit sinnvollen Standardwerten versehen; wer es genauer mag, greift auf die Einstellungen-Dialoge zu, in denen praktisch jede UCI-Option der jeweiligen Engine sichtbar und veränderbar ist. Ergänzt wird das durch Unterstützung für Polyglot-Eröffnungsbücher, Syzygy-Tablebasen, einen eingebauten Engine-Benchmark sowie die Möglichkeit, Datenbanken zu verschlüsseln.
Auch die Bedienoberfläche selbst lässt sich stark anpassen: Farben, Bewertungsgraphen (inklusive geglätteter Kurven), die Darstellung der Denkzeit-Uhr und sogar Barrierefreiheits-Funktionen wie Sprachausgabe und Tastatursteuerung für sehbehinderte Nutzer gehören zum Funktionsumfang.
Contempt und WDL: Lc0 im Detail
Wie schon bei Nibbler in unserem vorangegangenen Artikel behandelt, liefert auch BanksiaGUI eine ausführliche Unterstützung für Leela Chess Zero und dessen WDL-Statistiken (Win/Draw/Loss). Nach der Installation von Lc0 lassen sich in den Engine-Einstellungen die Optionen „LogLiveStats“ und „VerboseMoveStats“ aktivieren; erst dann zeigt BanksiaGUI die vollen Lc0-Zusatzinformationen an – als WDL-Diagramm im Bewertungsgraphen, als Sprechblasen direkt auf dem Brett, als Zahlenwerte in den Zugstatistiken und als zusätzliche Angaben in den Hauptvarianten.
Die eigentliche Contempt-Steuerung erfolgt dabei, wie bei jeder Lc0-GUI, über die Engine-Parameter selbst und nicht über ein BanksiaGUI-eigenes Konzept: Mit „ContemptMode“ (z. B. „white_side_analysis“ oder „black_side_analysis“), dem Wert „Contempt“ für die angenommene Elo-Differenz zum Gegner sowie „WDLCalibrationElo“ für das insgesamt angenommene Spielstärkeniveau lässt sich Lc0 dazu bringen, gezielt schärfere oder ruhigere Zugvorschläge für ein angenommenes Elo-Gefälle zu liefern. Da BanksiaGUI alle UCI-Optionen einer Engine direkt zugänglich macht, lassen sich diese Contempt-Parameter genauso komfortabel setzen wie in Nibbler – mit dem Unterschied, dass man dabei gleichzeitig Zugriff auf Turnierfunktionen, Datenbank und Coach hat, statt die Werkzeuge zu wechseln.
Was BanksiaGUI von den anderen Programmen unterscheidet
Im Vergleich zu den bisher vorgestellten Programmen positioniert sich BanksiaGUI klar als das funktional breiteste Werkzeug: Scid vs. PC und ChessX sind in erster Linie Datenbankprogramme, HIARCS Chess Explorer Pro punktet mit einer besonders ausgereiften, aber kommerziellen Analyseoberfläche, Cara überzeugt vor allem durch nativen Apple-Silicon-Code, und En Croissant setzt auf ein modernes, aufgeräumtes Interface. BanksiaGUI dagegen versucht, Turniermanager, Datenbank, Analyse, Coach und Internetschach in einem einzigen, kostenlosen Programm zu bündeln.
Bei der Plattformunterstützung für Mac-Nutzer sticht BanksiaGUI aus unserer bisherigen Serie sogar besonders heraus: Seit Version 0.56 (2022) gibt es native, code-signierte und notarisierte Apple-Silicon-Binaries – zusätzlich zur klassischen Intel-Version für macOS. Damit reiht sich BanksiaGUI neben Cara als zweites Programm ein, das auf Apple-Silicon-Macs ohne Rosetta 2 läuft, wie es bei HIARCS der Fall ist. Einzigartig in der bisherigen Serie ist zudem die eigene, wenn auch funktional reduzierte, iOS-App für iPhone, iPad und Apple Watch.
Der Preis für diese Vielseitigkeit ist eine gewisse Einarbeitungszeit: Nutzerstimmen im Chess.com-Forum beschreiben BanksiaGUI zwar als „die funktionsreichste Schach-GUI“, weisen aber auch darauf hin, dass es einige Zeit braucht, den vollen Funktionsumfang zu erfassen. Wer nur schnell eine Partie durchklicken möchte, ist mit einem schlankeren Programm womöglich schneller am Ziel – wer dagegen Turniere organisieren, Engines im Detail vergleichen oder Lc0s WDL-Statistiken ausreizen möchte, findet in BanksiaGUI eines der derzeit umfangreichsten kostenlosen Werkzeuge.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.