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2. Bergsträßer Jugend-Grand-Prix 2026 in Mörlenbach

„Chess meets Cinema“ – Großmeister Igor Kovalenko zu Gast in Programmkino Brennessel in Hemsbach

Am 19. März 2026 fand im Programmkino Brennessel in Hemsbach eine besondere Veranstaltung statt, die Schach und Krieg auf für mich bedrückende Weise miteinander verband. Unter dem Titel „Chess meets Cinema“ war der ukrainische Weltklassespieler und Großmeister Igor Kovalenko zu Gast – ein Abend mit sportlichen, kulturellen und vielen persönlichen Einblicken. Den Auftakt bildete am Nachmittag ein Simultanturnier, bei dem Kovalenko gegen zahlreiche Schachbegeisterte gleichzeitig antrat. Nicht alle Plätze waren gefüllt; am Ende spielten 11 Teilnehmer mit. Darunter auch mein Schachschüler Henry Thiemann, der jeden Freitag von Hemsbach nach Mörlenbach ins Bürgerhaus gefahren wird, um Schach zu trainieren. Ich spielte neben ihm und war sehr stolz auf Henry, der erst im Winter 2024/2025 so richtig mit dem Schach begonnen hat. Die Spielstärkeunterschiede unter den Teilnehmern – unter anderem war auch die Schauspielerin Nastassja Kinski dabei – waren enorm. Mich selbst unterschätzte Igor zu Beginn, fokussierte sich jedoch im weiteren Verlauf zunehmend auf unsere Partie (siehe unten).

Auf dem Bild sieht man links von mir Henry, der sich lange wehrte. Am Ende kannte er die Möglichkeit des „en Passant“ Schlagens (noch) nicht. Dadurch kollabierte seine Stellung. Trotz unserer Niederlagen war es für mich eine hochinteressante Erfahrung. In der Phase nach der Simultanveranstaltung gab es unter anderem eine leckere Borschtsch-Suppe. Igor Kovalenko setzte sich mir gegenüber. Auch mit der Unterstützung von Angelika Valkova, die ebenfalls aus der Ukraine stammt, aber seit zehn Jahren in Deutschland lebt, zeigte sich Igor sehr offen für Nachfragen. Wir analysierten in beeindruckender Geschwindigkeit unsere Partie – ich wünschte im Nachhinein, ich hätte seine Ausführungen per Video festhalten können. Er gab mir Tipps zum Training mit unserem Nachwuchs und insbesondere zur Förderung unserer Mädchen. Gleichzeitig schilderte er sehr persönliche und für mich bedrückende Erlebnisse aus seinem Fronteinsatz.

Anschließend folgte ein weiteres Rahmenprogramm, unter anderem eine moderierte Gesprächsrunde, in der Igor Kovalenko über seinen Werdegang im Schach sowie über prägende Erfahrungen berichtete. Er stammt aus einer Schachspielerfamilie, doch seine Eltern waren zunächst dagegen, dass er Schachprofi wird. Bis zu seinem 19. Lebensjahr hielt er diesen Wunsch geheim. Danach trainierte er über mehrere Jahre hinweg bis zu 60 Stunden pro Woche und entwickelte sich so zu dem Weltklassespieler, der er heute ist.

Als in seiner Heimat der Krieg ausbrach, entschloss er sich freiwillig, sich für die ukrainische Seite zu melden. Sein Ururgroßvater kämpfte im Krimkrieg auf Seiten des Russischen Reichs gegen die Türkei, sein Großvater im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland. Für ihn selbst war es daher eine folgerichtige Entscheidung, diesen Schritt zu gehen. Während seiner Einsätze arbeitete er sowohl in der Abwehr von Cyberangriffen als auch ganz konkret gegen die Vielzahl an Drohnen, die täglich mit tödlicher Fracht eingesetzt werden. Er betonte, wie wichtig es in solchen Situationen ist, sich vollständig auf die eigene Aufgabe zu konzentrieren und sich nicht durch äußere Einflüsse ablenken zu lassen – ein Fehler könne Menschenleben kosten.

Als Abschluss wurde die Neuverfilmung der Schachnovelle von Stefan Zweig gezeigt, die thematisch an die Verbindung von Schach und außergewöhnlichen Lebenssituationen anknüpft. Für mich war es bereits das zweite Mal, dass ich diesen Film gesehen habe. Die schauspielerische Leistung ist beeindruckend, ebenso große Teile der Umsetzung. Etwas gestört hat mich, dass das Schach selbst etwas zu kurz kam. Im Buch und in älteren Verfilmungen steht die Bedeutung des Schachs stärker im Mittelpunkt, während hier die Erzählung der Hauptfigur dominiert. Ein für mich überraschender Moment war die Entdeckung des Namens des Drehbuchautors: Eldar Grigorjan. Eldar spielte um das Jahr 2000 in unserem Schachclub; ich habe ihn damals häufig freitags von Bensheim nach Mörlenbach mitgenommen. Nach seinem Abitur studierte er zunächst Filmwissenschaft in München, wechselte später zur Rechtswissenschaft, um seinen Lebensunterhalt besser sichern zu können. Er ist zudem der Neffe von Alexander Vaisman aus unserer zweiten Mannschaft.

Das gesamte Programm hat mich sehr aufgewühlt, und ich bin auch zwei Tage danach noch sprachlos. Es ist das eine, über Krieg zu lesen oder zu hören. Doch an diesem Abend wurde mir die Realität in einer Weise vor Augen geführt, für die mir die Worte fehlen. Ich musste auch an meine eigene Jugend denken – daran, wie ich mit 18 Jahren vor der Wahl stand (dank unserer Demokratie) zwischen dem Pflichtwehrdienst bei der Bundeswehr im Zeichen des Kalten Krieges oder einem Zivildienst in einer sozialen Einrichtung meinen persönlichen Einsatz für diesen Staat zu zeigen. Es dauerte sieben Jahre, bis ich im Alter von 25 Jahren vor einem Gericht in Darmstadt die Anerkennung zum Zivildienst erhielt. Damals wurde ich von den Richtern oft gefragt, was ich tun würde, wenn Krieg über uns käme. Heute weiß ich nur eines: Ich wäre tief gespalten und in einem schweren Konflikt mit meinem Gewissen, wenn sich diese Frage tatsächlich stellen würde. Wie weit sind wir davon entfernt?

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