Netzwerke bei Leela Chess Zero: Wie viel stärker wird die Engine wirklich?

Standard-Installation vs. Top-Netzwerk von lczero.org/play/networks/bestnets

Wer sich Leela Chess Zero (Lc0) neu installiert, bekommt sofort eine spielstarke Engine – aber nicht automatisch die stärkste Version, die derzeit verfügbar ist. Der Unterschied liegt nicht im Programm selbst, sondern im „Netzwerk“, das Lc0 als Gehirn benutzt. Dieser Artikel erklärt, was ein Netzwerk genau macht, was in der Standardinstallation steckt, was auf der offiziellen Download-Seite lczero.org/play/networks/bestnets/ angeboten wird – und wie groß der Spielstärke-Unterschied tatsächlich ist.

1. Was ein Netzwerk bei Lc0 überhaupt macht

Klassische Engines wie frühere Stockfish-Versionen bewerten Stellungen über eine von Menschen entworfene Formel (Material, Königssicherheit, Bauernstruktur usw.). Lc0 funktioniert grundsätzlich anders: Der eigentliche „Schachverstand“ steckt in einem neuronalen Netzwerk, das durch Millionen Partien Selbstspiel trainiert wurde – demselben Prinzip, das AlphaZero bekannt gemacht hat.

Das Netzwerk liefert dem Suchalgorithmus zwei Dinge pro Stellung:

  • Policy-Kopf: eine Einschätzung, welche Züge vielversprechend sind – das lenkt die Suche gezielt auf die relevanten Kandidatenzüge, statt blind alles durchzurechnen.
  • Value- bzw. WDL-Kopf: eine Einschätzung der Gewinn-/Remis-/Verlustwahrscheinlichkeit der Stellung, ohne dass weitergesucht werden muss.

Das Netzwerk bestimmt also maßgeblich, wie „klug“ Leela in jeder einzelnen Sekunde Bedenkzeit ist. Ein besseres Netzwerk sieht mehr auf den ersten Blick – ein schwächeres muss es sich durch mehr Suche mühsamer erarbeiten.

Begriffsklärung: „Netzwerk“ = „Weights File“ In Nibbler (und vielen anderen Lc0-Oberflächen) heißt genau diese Datei nicht „Netzwerk“, sondern „Weights File“ bzw. „Weights“ – im Nibbler-Menü z. B. unter Engine → Choose Weights File… Beide Begriffe meinen exakt dasselbe: die .pb.gz-Datei mit den trainierten Gewichten („weights“) des neuronalen Netzes, also den Zahlenwerten, die während des Selbstspiel-Trainings gelernt wurden und die Stärke des Netzwerks ausmachen. „Netzwerk“ ist der Begriff der Lc0-Webseite, „Weights File“ der Begriff, der in der Nibbler-Oberfläche und vielen technischen Dokumentationen verwendet wird. Wer in Nibbler ein neues, stärkeres Netzwerk laden möchte, sucht dort also nach „Weights“, nicht nach „Network“.

2. Was liefert die Standardinstallation?

Im Lc0-Download-Paket (egal ob Windows, Mac oder Linux) steckt neben der eigentlichen Engine (lc0.exe bzw. das Unix-Binary) immer auch eine Netzwerkdatei mit. Laut offizieller Einrichtungsanleitung auf lczero.org ist das ein „vernünftiges“ Netzwerk, das ausreicht, um sofort loszulegen – aber ausdrücklich nicht das stärkste verfügbare Netzwerk.

Dieses mitgelieferte Netzwerk ist bewusst kompakt und älter gehalten. Der Sinn dahinter: Jeder Nutzer soll die Engine ohne Zusatz-Download direkt testen können, unabhängig von Grafikkarte oder Internetgeschwindigkeit. Für ernsthafte Analyse oder Turnierstärke ist es aber nicht ausgelegt – dafür verweist Lc0 selbst auf die Netzwerk-Downloadseite.

3. Die Netzwerk-Downloadseite: bestnets

Unter lczero.org/play/networks/bestnets/ veröffentlicht das Lc0-Team laufend die aktuell stärksten Netzwerke, gestaffelt nach Größe und Hardware-Anforderung. Das oberste Netz der Liste ist zugleich dasjenige, das bei Computerschach-Wettbewerben wie der TCEC oder dem CCC eingesetzt wird.

GrößeEinsatzFilterBlöckeGPU-SpeicherDateigrößeNetzwerk
Sehr großGroße GPU1024154 GB365 MBBT4-it332 (aktuell für TCEC/CCC)
Sehr großGroße GPU1024154 GB330 MBBT4-1024x15x32h-swa
GroßGPU768152,6 GB190 MBBT3-768x15x24h-swa
GroßGPU768152,4 GB160–170 MBT82-768x15x24h
MittelGPU/CPU512151,8 GB150–155 MBt3-512x15x16h-distill-swa
MittelGPU/CPU512151,8 GB140–150 MBT1-512x15x8h-distilled-swa
KleinGPU/CPU256101,6 GB30–40 MBT1-256×10-distilled-swa

Zur Einordnung der Bezeichnungen:

  • BT = „Big Transformer“, die aktuelle, stärkste Architektur-Generation.
  • T = ältere Trainingsläufe, teils noch mit Convolution-Architektur, teils frühere Transformer-Generationen.
  • swa = Stochastic Weight Averaging, eine Technik, die mehrere Trainingsstände mittelt und so ein stabileres, saubereres Netzwerk erzeugt.
  • distill(ed) = ein kleineres Netz, dem das Wissen eines größeren „Lehrer“-Netzes eintrainiert wurde – dadurch spielt es für seine Größe überdurchschnittlich stark.
  • policytune = ein zusätzlicher Fein-Trainingsschritt, der gezielt den Policy-Kopf (die Zugvorschläge) nachschärft.
  • Die angehängte Zahl (z. B. „-332“ oder „-6147500“) verweist auf die Trainingsiteration bzw. Anzahl trainierter Partien, an der dieser Stand entstanden ist.

4. Der Architektur-Sprung: von Convolution zu Transformer

Die älteren Lc0-Netzwerke (wie auch AlphaZero) basierten auf einer Convolution-Architektur: Jedes Feld tauscht Informationen nur mit benachbarten Feldern aus. Damit eine Information vom Feld a1 zum Feld h8 gelangt, muss sie über mehrere Zwischenschritte „wandern“ – das Netz erkennt Zusammenhänge zwischen weit auseinanderliegenden Feldern dadurch schlechter, etwa bei Mehrfachbelastungen einer Linie oder Diagonalen über das ganze Brett.

Die neue BT-Serie (Big Transformer) verwendet stattdessen eine Transformer-Architektur, wie sie auch große Sprachmodelle nutzen: Jedes Feld kann direkt mit jedem anderen Feld „kommunizieren“, unabhängig von der Entfernung auf dem Brett. Dadurch erkennt das Netz brettweite taktische und positionelle Muster deutlich zuverlässiger.

Nach Angaben des Lc0-Teams ist die reine Zugvorschlagsqualität (Policy) von BT4 rund 270 bis 300 Elo stärker als die des stärksten reinen Convolution-Netzes (T78) – und das bei weniger Parametern und Rechenaufwand als man angesichts dieses Sprungs vermuten würde.

5. Wie viel stärker ist Leela damit konkret?

Eine wichtige Einordnung vorweg: Die genannten Elo-Werte beziehen sich auf reine Policy-Tests ohne Suche und auf eine intern kalibrierte, selbstspielbasierte Skala des Lc0-Teams. Sie lassen sich nicht 1:1 auf die bekannten CCRL- oder Turnier-Elozahlen übertragen – der Trend ist aber eindeutig und in der Praxis gut spürbar.

Da das mitgelieferte Standard-Netzwerk bewusst klein und älter gewählt ist (siehe Abschnitt 2), ist der praktische Sprung beim Wechsel auf ein aktuelles Spitzennetz wie BT4 tendenziell noch größer als der reine 270-300-Elo-Vergleich zwischen BT4 und dem alten T78-Netz – schließlich liegt das Standardnetz architektonisch und von der Trainingsdauer her nochmal darunter.

Wichtig ist dabei ein Kompromiss, der in der Praxis oft unterschätzt wird: Größere Netzwerke liefern pro Stellung eine bessere Einschätzung, benötigen dafür aber auch mehr Rechenzeit pro Stellung – die Engine schafft dadurch weniger Stellungen pro Sekunde (weniger „nodes per second“). Auf schwacher Hardware oder bei sehr kurzer Bedenkzeit kann ein kleineres, schnelleres Netz daher in der Praxis mit einem großen Netz mithalten oder es sogar schlagen, weil die Suche mehr Stellungen abdeckt. Auf starker GPU-Hardware und bei längeren Bedenkzeiten (klassische Analyse, Fernschach, Nachbereitung eigener Partien) spielt das große Netz seinen Vorteil dagegen voll aus.

6. Installation: So wird ein neues Netzwerk aktiv

  • Gewünschtes Netzwerk auf lczero.org/play/networks/bestnets/ per Rechtsklick auf den Link und „Link speichern unter…“ herunterladen.
  • Die heruntergeladene .pb.gz-Datei in denselben Ordner legen wie die lc0-Programmdatei.
  • Achtung: Liegen mehrere Netzwerkdateien im selben Ordner, verwendet Lc0 automatisch die Datei mit dem neuesten Änderungsdatum. Am besten alte Netzwerkdateien löschen oder verschieben, um Verwechslungen zu vermeiden.
  • Die Auswahl der Engine in der jeweiligen Oberfläche (Nibbler, En Croissant, Scid vs. PC, HIARCS Chess Explorer usw.) bleibt unverändert – das Netzwerk wird beim Start automatisch aus dem Programmordner geladen. Details dazu in den bereits veröffentlichten Artikeln zu den einzelnen Programmen.
  • In Nibbler kann das Netzwerk zusätzlich manuell über Engine → Choose Weights File… ausgewählt werden – „Weights File“ ist dort schlicht die Nibbler-Bezeichnung für dieselbe .pb.gz-Netzwerkdatei (siehe Begriffsklärung in Abschnitt 1).

7. Netzwerk-Empfehlung je nach Hardware

  • Mac mit Apple Silicon (M1–M4), ohne dedizierte GPU-Beschleunigung: mittelgroßes distilliertes Netz (z. B. 512×15) bietet meist das beste Verhältnis aus Stärke und Geschwindigkeit.
  • Älterer Intel-Mac oder reine CPU-Nutzung: kleines distilliertes Netz (256×10) wählen, sonst leidet die Anzahl der Stellungen pro Sekunde zu stark.
  • Windows-PC mit aktueller Nvidia-GPU (RTX-Serie): großes oder sehr großes Netz (BT3/BT4) für maximale Analysetiefe, insbesondere zur Nachbereitung eigener Partien oder Eröffnungsvorbereitung ohne Zeitdruck.
  • Bei „Out of memory“-Fehlern hilft laut Lc0-Team der zusätzliche Startparameter –minibatch-size=16, alternativ ein kleineres Netz wählen.

Fazit

Die Standardinstallation von Lc0 ist bewusst so gewählt, dass sie überall sofort läuft – nicht so, dass sie maximale Spielstärke liefert. Wer wenige Minuten investiert und ein aktuelles Netzwerk von der bestnets-Seite herunterlädt, bekommt praktisch kostenlos einen spürbaren Stärkeschub, der laut Lc0-eigenen Tests allein durch den Architektursprung von Convolution zu Transformer bei rund 270 bis 300 Elo (reine Zugqualität) liegt. Entscheidend für die Praxis ist, die Netzwerkgröße zur eigenen Hardware und Bedenkzeit passend zu wählen – das größte Netz ist nicht automatisch das beste Netz für jede Situation.

Quelle: lczero.org (Getting Started, Best Networks, Transformer Progress), Stand Juli 2026.

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