GM Matthew Sadler hat gezeigt, wie sich Leelas WDL-Contempt-Feature für die Eröffnungsvorbereitung gegen einen konkreten Gegner einsetzen lässt. Ein naheliegender Anschlussgedanke: Wie verlässlich ist eine Contempt-basierte Analyse eigentlich für die Nachbereitung der eigenen Partien? Um das zu testen, wurde ein und dieselbe Partie – Sustov (2241) gegen Böhmer (2136), Dole Open Aix-en-Provence 2025, Runde 6, Endstand 0:1 aus Schwarzer Sicht – zweimal von Grund auf analysiert: einmal mit Lc0 und aktiviertem WDL Contempt (WDLCalibrationElo 2200, Contempt +250 aus Schwarz-Perspektive – die Engine bewertet also durchgehend so, als sei Schwarz 250 Elo-Punkte stärker als angegeben), einmal mit Stockfish 18 ganz ohne Contempt-Einstellung, also rein objektiv. Das Ergebnis ist aufschlussreicher, als es eine einzelne Analyse gewesen wäre: Die beiden Engines erzählen an mehreren Stellen buchstäblich entgegengesetzte Geschichten über dieselbe Partie.
Zur Notation: was die Symbole bedeuten
Beide Engines versehen einzelne Züge mit standardisierten Bewertungssymbolen (NAGs), die im Folgenden immer wieder auftauchen:
| Symbol | Bedeutung |
| ! | guter, bemerkenswerter Zug |
| ? | Fehler – spürbarer, vermeidbarer Nachteil |
| ?? | grober Fehler / Blunder – wirft die Stellung komplett um |
| ?! | dubioser Zug – fragwürdig, aber kein klarer Fehler |
| kein Symbol | die Engine hält den Zug für unauffällig bzw. für ihren eigenen Bestzug |
Dahinter steht jeweils eine Zahl: die Bewertung der Stellung nach dem Zug in Bauerneinheiten. Negative Werte bedeuten Vorteil Schwarz, positive Werte Vorteil Weiß – bei beiden Engines gleichermaßen.
Eine Anmerkung zur Vergleichbarkeit der Werte
Beide Engines nutzen zwar ein ähnliches Vorzeichenschema (negativ = Vorteil Schwarz, positiv = Vorteil Weiß), die absoluten Zahlen sind aber nicht direkt vergleichbar: Stockfishs Werte sind klassische, objektive Centipawn-Bewertungen. Lc0s Werte sind unter WDL Contempt bewusst so verzerrt, dass sie die Partie aus der Perspektive eines 250 Elo stärkeren Schwarzspielers zeigen – sie beantworten also nicht „wie steht es objektiv?“, sondern „welche Fortsetzung sollte ein ambitionierter, überlegener Spieler suchen?“. Interessant ist deshalb weniger die Höhe der Zahlen als die Frage, wo beide Engines derselben Meinung sind – und wo nicht.
Die Eröffnung: Wird …f5 wirklich verschleppt?
Nach dem Raumgewinn durch 8.d5 lag der thematische Befreiungsschlag …f5 auf der Hand. Lc0 empfiehlt ihn unter Contempt bereits ab Zug 9 und markiert jede Abweichung davon als dubios (?!) – auf den ersten Blick sieht es also so aus, als würde Schwarz die Befreiung über mehrere Züge verschleppen. Stockfishs eigener Hauptplan nach 9…Ne7 (das Stockfish sogar mit ! als gute Wahl bewertet) sieht allerdings so aus: 10.c4 a5 11.Nc3 O-O 12.a3 f5 – also ebenfalls erst im 12. Zug, nur mit anderer Zugreihenfolge (a5 statt O-O). Objektiv betrachtet war das Timing der Partie also gar kein Problem.
| Zug | Gespielt | Lc0 Contempt | Stockfish 18 | Kernaussage |
| 9… | Ne7 | ?!, -3.45 | !, +0.64 | Stockfish lobt den Zug, Lc0-Contempt hält ihn für zu zaghaft |
| 10… | O-O | ?!, -3.23 | kein Symbol, +0.67 | Stockfish sieht keinerlei Problem |
| 11… | h6 | kein Symbol, -3.45 | kein Symbol, +0.82 | beide neutral, uneins nur über die „ideale“ Alternative (a5 vs. f5) |
Das ist der erste wichtige Befund: Ein Teil der „verschleppten Vorbereitung“, die die Contempt-Analyse suggerierte, ist bei objektiver Betrachtung gar keine. Lc0 bewertet unter Contempt jede Abweichung vom sofortigen Angriffsplan als Ungenauigkeit – auch wenn ganz normale Entwicklungszüge objektiv gleichwertig sind.
Rückschlagen mit dem falschen Stein? Zug 13
Nach 12…f5 13.exf5 empfahl Lc0 unter Contempt das Rückschlagen mit dem Bauern (13…gxf5) statt mit dem Läufer, um die g-Linie zu öffnen. Stockfish sieht das komplett anders: 13…Bxf5 ist ohne jede Einschränkung der eigene Bestzug der Engine, mit +0.46 sogar geringfügig besser bewertet als in der Contempt-Version behauptet.
| Zug | Gespielt | Lc0 Contempt | Stockfish 18 |
| 13… | Bxf5 | ?!, -2.37 (Alt.: gxf5, -3.70) | kein Symbol, +0.46 (Bestzug) |
Ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Contempt Prioritäten verschiebt: Für die reine Angriffsperspektive ist die offene g-Linie interessanter, objektiv gibt es dafür aber keinen echten Anlass.
Ein Zug, zwei gegensätzliche Urteile: Zug 21
Der deutlichste Widerspruch der gesamten Partie betrifft ein und denselben Zug: 21…Nf6.
| Engine | Urteil | Bewertung |
| Lc0 (Contempt) | dubios, Symbol ?! (Alternative: Qf6+) | -1.65 |
| Stockfish 18 | guter Zug, Symbol ! | +0.84 |
Genau derselbe Zug wird einmal mit dem Fragwürdig-Symbol ?! und einmal mit dem Gut-Symbol ! versehen – eine komplette Kehrtwende der Bewertung. Das zeigt deutlich: Die Fehlerklassifizierung unter Contempt bemisst sich nicht an objektiver Solidität, sondern daran, ob ein Zug dem ambitionierten Referenzspieler gerecht wird, den Contempt simuliert.
Zug 40 und 46: zwei Engines, zwei unterschiedliche Fragen
Auf den ersten Blick wirkt es, als würden sich die Engines hier widersprechen. Bei genauerem Hinsehen beantworten sie aber zwei verschiedene Fragen. Stockfish beantwortet: „Wie steht die Stellung bei fehlerfreiem Spiel beider Seiten?“ Lc0 mit WDLCalibrationElo 2200 beantwortet dagegen: „Wie wahrscheinlich ist ein bestimmter Ausgang, wenn ein Spieler auf diesem Elo-Niveau von hier aus weiterspielt?“ Die WDL-Kalibrierung ist nämlich nicht auf perfektes Spiel geeicht, sondern auf reale Partieausgänge bei einer bestimmten Spielstärke – sie rechnet also implizit ein, dass auch der Gegner in einer schwierigen, technisch anspruchsvollen Stellung nicht fehlerfrei bleibt.
Zug 40: der objektive Bruchpunkt
| Zug | Gespielt | Lc0 Contempt | Stockfish 18 |
| 40… | Qxf5 | kein Symbol – Bestzug! -1.01 (weiterhin komfortabler, bei diesem Elo-Niveau realistisch verteidigbarer Vorteil Schwarz) | ? – Fehler! +2.62 (bei fehlerfreiem Spiel klar gewonnen für Weiß) |
Objektiv ist die Stellung nach 40…Qxf5 für Weiß gewonnen (+2.62), und das bestreitet auch die Contempt-Analyse im Grunde nicht – sie rechnet nur zusätzlich ein, wie schwer diese Gewinnstellung für einen Spieler auf 2200er-Niveau tatsächlich zu verwerten ist. Der Haken dabei: WDLCalibrationElo verwendet dafür eine pauschale, elo-basierte Fehlerquote, keine stellungsspezifische Einschätzung. Ob die konkrete Stellung nach Zug 40 nur einen einzigen, extrem schwer zu findenden rettenden Zug für Weiß erfordert oder ob es mehrere, leicht zu findende Gewinnwege gibt, geht in diesen Wert nicht ein – er würde bei jeder anderen Stellung mit ähnlicher Eval-Höhe genauso hoch ausfallen.
Zug 46: Bestätigung statt Wendepunkt
Stockfish vergibt für 46…a4 kein Fehler-Symbol – die Stellung war zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Zügen bei fehlerfreiem Spiel klar verloren (+3.28 nach Zug 44, +4.10 nach Zug 45). Aus der Contempt-Perspektive dagegen war die Partie bis dahin noch „realistisch offen“, weshalb genau dieser Zug als der große Einschnitt erscheint (von -0.50 auf +13.78).
| Zug | Gespielt | Lc0 Contempt | Stockfish 18 |
| 46… | a4 | ?? – grober Fehler! -0.50 → +13.78 | kein Symbol – bei fehlerfreiem Spiel bereits klar verloren, keine wesentliche Veränderung |
Beide Sichtweisen sind damit für sich genommen konsistent, beantworten aber unterschiedliche Fragen: „Objektiv war die Partie schon nach Zug 40 verloren“ (Stockfish) gegenüber „Praktisch, bei realistischer Fehleranfälligkeit auf diesem Spielstärkeniveau, blieb sie bis Zug 46 offen“ (Lc0-Contempt).
Wo sich beide Engines einig sind
Nicht überall geht es um unterschiedliche Fragestellungen. Bei 38…e4 stufen beide Engines den Zug übereinstimmend als echten Fehler ein – Lc0 mit ? und einem Rückgang von -3.08 auf -0.71, Stockfish ebenfalls mit ? und einem Absturz von einem gesunden schwarzen Vorteil auf glatt 0.00. Hier gibt es keine unterschiedliche Fragestellung, die den Widerspruch erklären könnte – beide Engines sehen einen objektiven Fehler. Das ist vermutlich der verlässlichste Kandidat für den tatsächlichen Beginn des Niedergangs.
| Zug | Gespielt | Lc0 Contempt | Stockfish 18 |
| 38… | e4 | ?, -3.08 → -0.71 | ?, ca. -0.7 → 0.00 |
Fazit: zwei Fragestellungen statt eines Widerspruchs
- WDL Contempt zeigt zuverlässig, welche Fortsetzung ein ambitionierter, kampfbereiter Spieler suchen sollte, und rechnet dabei ein, dass auch der Gegner auf realistischem Spielstärkeniveau nicht fehlerfrei bleibt – dafür ist es entwickelt, und dafür funktioniert es sehr gut, wie bereits Sadlers Eröffnungsbeispiele zeigen.
- Für die Nachbereitung der eigenen Partien lohnt es sich, beide Fragen zu trennen: „War der Zug objektiv ein Fehler?“ (Stockfish-Frage) und „War der Zug praktisch riskant, weil die Folgestellung schwer zu verteidigen bzw. zu verwerten ist?“ (die Frage, die Contempt näherungsweise über die Elo-Kalibrierung beantwortet).
- Die Schwäche der Elo-Kalibrierung: Sie ist stellungsunabhängig. Ein Wert, der stattdessen die tatsächliche Komplexität einer konkreten Stellung abbildet – etwa über die Anzahl der haltenden Züge und wie klar sie sich von Alternativen abheben – würde die reale „Fehleranfälligkeit“ einer Stellung sehr viel genauer greifen als eine pauschale Elo-Zahl. Ein Näherungswert dafür ließe sich zum Beispiel aus der Eval-Differenz zwischen Best- und Zweitbestzug ableiten: Ist der Abstand groß, gibt es vermutlich nur einen schmalen, schwer zu findenden Weg; ist er klein, verzeiht die Stellung mehr.
- Übereinstimmungen zwischen beiden Analysearten (wie bei Zug 38) sind ein guter Indikator für tatsächlich robuste, engine-unabhängige Erkenntnisse, unabhängig von der jeweiligen Fragestellung.
Die eigentliche Lehre aus dieser Partie ist damit nicht „vermeide Züge wie 46…a4“, sondern „prüfe Stellungen wie nach 39…h4 genauer, bevor du zur objektiv fehlerhaften, aber praktisch verständlichen Fortsetzung 40…Qxf5 greifst“ – eine ganz andere und deutlich frühere Weichenstellung, als eine reine Contempt-Analyse nahelegen würde.

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